Hash hatte gerade einen Notausgang an der Nordseite des Physiktraktes passiert, als die Eisentür aufflog, ihn am Rücken traf und er unkontrolliert in die nächstgelegene Hecke stolperte. Johann Sebastian Keil trat ins Freie. „Servus, was schleicht ihr hier rum? Entweder die Tür hier ist Schrott, oder –“ er schaute hinter die Tür und sah Hash im Gebüsch liegen. „Ohaaa! Sooorry...“
Wutschnaubend rappelte Hash sich wieder auf. Diese elende Grinsglatze mit ihrer Perücke! „Was soll denn das überhaupt?“ – „Ich wollt grad loslatschen, Willi, weil Ihre Laserkanone, das fahrbare Teil, ist fertig!“
Hashs Stimmung veränderte sich schlagartig: „Saubere Arbeit, Herr Kollege. Mal wieder genau richtig im Zeitplan. Aber –“ besorgt blickte er den Überbringer der eigentlich freudigen Nachricht an, „das Gerät sollte schon wasserdicht sein, da sind wir uns einig, oder?“
„Klaro, das Teil braucht nur noch das Prüfsiegel, bin gerade auf dem Weg zur SAF.“ – „Ohne die Waffe?“ fragte Hash verwundert. „Ich kenn da so ’ne nette Dame...“ Keil grinste und trabte locker in die Dunkelheit.
Hash rieb sich die Hände: „Wie wär’s mit ein paar Tests? Das reizt mich jetzt schon!“
„Nichts da!“ schnauzte Steely sofort. „Das Wohl von vielen wiegt mehr als das Wohl von wenigen – anders ausgedrückt: Der Erfolg dieses Unternehmens ist wesentlich wichtiger als die Steigerung irgendwelcher spezieller Spaßfaktoren! Also machen Sie schon. Da vorne um die Ecke.“
Hash seufzte. „Aber ich will...“ „NEIN!“ Steely unterbrach ihn. „mich doch nur mal mit der Bedienung vertraut machen,“ fügte Hash kleinlaut hinzu und schlappte mit hängenden Schultern weiter.
Verdrossen stand Grummelhuhn vor dem Loch in der Wand, hinter dem sich einst der Überwachungsraum befunden hatte, doch ihm gähnte nur die dunkle Umgebung des Gebäudes entgegen. Er trat an den Rand und blickte hinunter – Trümmer. Er hatte gehofft, Verwertbares zu finden, doch der Raum existierte nicht mehr. Er kontaktierte Flötenhäuser und Knallkabel: „Hier geht nichts...“ Dann merkte er, dass tatsächlich nichts ging, der Funk war tot! „Wie können sie unsere Funkgeräte blockieren, wenn sie gar nicht wissen... dass wir kommen!“ Alarmiert drehte er sich um – und blickte in sechs Läufe. Schrotsemmel grinste und winkte ihm zu.
Mehrere Sekunden verstrichen, bevor Horatius sich wieder in der Gewalt hatte. In dieser kurzen Zeit rasten seine Gedanken wild umher. Überlaufen ging nicht, dazu steckte er zu tief drin. Den sechs Gegnern entkommen – das war alleine auch nicht drin. Aber eine Lösung brauchte er trotzdem – dringend. Blieb also nur noch eine kurzzeitige Kapitulation. Ohne hastige Bewegung nahm er die Hände nach oben und gab sich den Anschein von Furcht: „Hilfe, ich tu euch doch nichts.“
„Schaut mal wer uns da ins Netz gegangen ist... Ein richtig fetter Fisch!“ Schrotsemmel grinste noch breiter. „Nummer 4, festnehmen, Hände fesseln; Rest macht sich zum Abmarsch bereit.“
Hätte er Knallkabel doch nicht mit den übrigen Bewaffneten weggeschickt! Jetzt war er alleine und in deren Gewalt. Fabian hatte ihn doch gewarnt. Er verfluchte sich in Gedanken für seine Dummheit.
„Also, dann fahren Sie mal vorsichtig dran,“ ordnete Steely für den Spähwagen an. Peer-Gam bewegte den Joystick und ließ das wertvolle Gerät hinter dem Mauervorsprung hervorkommen. 12 Augen verfolgten gespannt, was für Bilder die Kamera von jenseits der Deckung lieferte.
Nach endlos langen Sekunden brach Hash schließlich das Schweigen. „Nichts...“ Wieder Schweigen. „Soll ich weiterfahren? Darf ich?“ Peer-Gams Gesicht strahlte vor Vorfreude.
„He! Was –“ tönte es plötzlich hinter der Mauer hervor und das Dunkel vor der Linse hob sich – hinter der Mauer stand jemand, und Peer-Gam hatte den Wagen gegen seinen Fuß gefahren. Ein kurzer Moment der Stille, dann wirbelte das übertragene Kamerabild durcheinander, während das Auto ins Gebüsch flog und die Verbindung abbrach. Ein Paar Augen schaute kurz um die Mauerecke, bevor es sich wieder zurückzog. Ein Eichhörnchen fiel vom Baum, als der Wachposten „PROOOFS!“ brüllte.
„LOS!“ bellte Steely. Wie besprochen flog eine Mineralsäuren-Granate über die Mauer und der Trupp spurtete los. Zwei Lichtblitze und mehrere Dampfwolken später griffen zwei Mann die Deichsel des ersten Leiterwagens und alle zogen sich zurück.
21:41 Uhr: „Hier sind wir erstmal allein, halten wir an.“ Gerade als Steely das Kommando zum Anhalten geben wollte, brüllte Hash 20 cm neben ihm „HAAALT!“ Der Trupp kam zum Stillstand. „Der Leiterwagen in die Mitte, wir wollen alle sehen, was wir da haben...“
Als er die Plane zurückzog, sah er, wieso der Wagen so schwer war – es lagen 10 CO2-Feuerlöscher darin! „Uuh, böööse!“ kommentierte Hash. Steely pfiff durch die Zähne. Nur Peer-Gam blickte nichts und Flachköpper erklärte ihr die Wirkung auf Menschen.
Offensichtlich genügte sein Fachchinesisch jedoch nicht, um ihr einen Lichtblick zu verschaffen. „Doseneis?“ fragte sie in einem verzweifelten Versuch, wenigstens einen gewissen Wissenszuwachs zu erreichen. „Das meinen Sie doch nicht ernst?“ fuhr eine Stimme dazwischen. Alle zuckten zusammen. „Und überhaupt – wie passen Sie eigentlich auf sich auf?“ Die leise Stimme der kleinen und umsichtigen Altphilologin, die sich unbemerkt angeschlichen hatte, durchschnitt mit entschlossener Schärfe die nächtliche Stille.
„Frau Professor Gin? Was tun Sie denn hier?“ Peer-Gam, in zweiter Reihe stehend, flüsterte Hash hinter vorgehaltener Hand gleich ihre Meinung zu: „Die versteckt sich doch nur hier, um aus allem raus zu sein!“ – „Hm?“ Gin steckte ihren Kopf zwischen Steely und Flachköpper hindurch und schaute Peer-Gam neugierig an.
„Och, ich hab mich gefragt, was SIE hier machen, so ganz allein.“ – „Und außerdem, von wegen aufpassen – wer passt denn auf Sie auf? WIR können auf uns selber achten!“ warf Steinschlag hinzu.
„Sie ist auch nicht allein, aber vor allem machen WIR nicht so einen Jenseits-Lärm!“ Hilfsdozent Backfisch trat mit langen Schritten aus dem Gebüsch, eine offene Weinflasche in der Hand.
„Nun, ist ja auch egal. Fakt ist, dass wir mit unserer Ladung einen großen Coup geschafft haben,“ erklärte Hash selbstbewusst. „Allerdings werden sie uns kaum verfolgen,“ war Steely mit bitterer Selbstironie ein. Er hatte sich mehr von dem Zugriff erhofft. „Ach, das passt scho!“ erklärte Peer-Gam und wuchtete eine ihrer „Eisdosen“ aus dem Wagen. Alle zuckten zurück, als darunter eine giftgrüne Tüte mit der handnotierten Aufschrift „A1/B0,4/C0,7/2“ zum Vorschein kam.
Plötzlich begann es zu regnen, Blitz und Donner setzten ein. Die Schrift auf der Tüte verblasste... „Oh nein, ein Gewitter – und wir inmitten von Bäumen!“ Bei Professor Gin deuteten sich leichte Spuren von Panik an.
Und das nicht zu Unrecht – ein besonders lauter Donner, begleitet von einem blendenden Blitz, schlug nicht allzu fern in einem Baum ein, die dort sich befindlichen Gegner illuminierend. Kurz darauf hatte die Beleuchtung auf rot-orange flackern gewechselt, von Schreien begleitet.
„Schnell, zur Grillhütte! Da bleibt’s trocken!“ Äste knackten und schlugen den Hinterhereilenden ins Gesicht, als Steely den direkten Weg durch den Wald wählte. Geistesgegenwärtig griffen Hash und Backfisch den Beutewagen und polterten mit. Ein paar Speichen splitterten, doch angehalten wurde nicht.
„Da vorn... die Hütte!“ Plötzlich, ein Blitz, die Hütte stand in Flammen. „Scheiße! Schnell zurück in Deckung – meines Wissens befinden sich noch Gasflaschen da drin!“
„Wo ist eigentlich Flachköpper geblieben?“ Er war nirgends zu sehen. „Ist er vielleicht nicht mit uns geflüchtet?“ Schweigen schlug Steely entgegen. Wenn er nun in die falsche Richtung geflohen war...
„Ätzend! Immer muss man auf die Kollegen von den Naturwissenschaften warten,“ grollte Steely. Hash, bei seiner Ehre gepackt, protestierte: „Manche, ja. Aber ich zum Beispiel, ich bin die Pünktlichkeit in Persona!“ Einer der jungen Dozenten, die sie begleiteten, konnte es einfach nicht lassen: „Allerdings: Zur Pause sind Sie stets der erste...“ DAS hätte er besser nicht gesagt...
Flachköpper wünschte sich in sein Büro zurück, in seinen Sessel, mit einem Glas Whiskey. Stattdessen strömte der Gewitterregen auf ihn herab, während er sich langsam in einem Bogen in den Rücken des Feindes bewegte.
„Los, auf geht’s!“ Backfisch marschierte voraus in die Dunkelheit, der ganze Trupp folgte ihm, von seiner Forschheit überrumpelt. Doch war es wirklich der ganze Trupp? Nein: Ein mittelgroßer, rundlicher Physikprofessor blieb zurück, um die Feuershow zu bestaunen. Nach schier endlosen Sekunden drehte er sich schließlich um, um dem Rest zu folgen – doch die einsame Nacht umgab ihn...
„Äh? Haaalt! Wartet auf mich!“ Weder der kleine Uhu auf dem nächsten Baum, noch der Physikprofessor selbst bemerkten die Gestalt, die sich aus dem Schatten löste und ihm folgte.
Als Flachköpper ankam, wo er hinwollte, spähte er durch die Büsche: Niemand mehr da? Offenbar hatten die As sich bereits verzogen. Der Regen wurde schwächer, als das Gewitter weiter zog.
Hash, einsehend, dass es doch zu dunkel war, griff nach seinem ausladenden Schlüsselbund und aktivierte eine an ihm befestigte Hochleistungsminitaschenlampe. Klimpernd setzte er seinen Weg durch die Dunkelheit des Waldes fort.