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Donnerstag, 21. August 2008

Kollateralschäden - XII

In dem Moment, in dem Flachköpper seine Giftspritze durchlud, schreckte hunderte Meter weiter ein schweißgebadeter und verwirrter Sushi aus einem wirren und bedrohlichen kurzen Traum. „Was das nun wieder bedeutet?“ fragte er sich und ließ sich, nachdem er seine Umgebung noch einmal genau in Augenschein genommen hatte, im Lotossitz nieder, um die unheilvollen Bilder zu deuten.
Das ganze Lazarett jubelte, als die Studentenscharfschützen Grummelhuhn an einen langen Spieß-artigen Pfahl gebunden hereinbrachten, den sie mit den Händen über ihren Schultern trugen.
„Grillt ihn! Grillt ihn! Grillt ihn!“ brüllten abgemagerte afrikanische Austauschstudenten und grinsten breit. Grummelhuhns Blick erstarrte, sein Gesicht verzerrt vor Angst.
„EINSPRUCH! Irrationalismus!“ Sushi war aus seiner Meditation erleuchtet und erklärte sich der Menge, während er zwischen den langen Tischreihen nach vorne schritt: „Natürlich sähen wir diesen Mann gerne da, wo er – und ganz allein er – unseren geliebten Rupi hingebracht hat.“ (Zumindest gerüchteweise wusste mittlerweile jeder Student Bescheid.) „Doch seid vorsichtig! Seid besonnen! Gebraucht euren Verstand! Wieso er? Fast einer von uns! Unsere Urfeinde beinahe – die Profs? Warum nicht? Jenny,“ seine Augen fixierten sie, „wir wurden getäuscht! Horatius,“ seine Arme umschlossen ihn, „wir wurden verraten! Mein Freund, STIMMST du mir ZU?“
„Ich würde die Umarmung ja gerne erwidern, aber meine Arme... ihr wisst schon.“ Er zuckte mit den Schultern, die er noch bewegen konnte, und wackelte nach links und rechts.
„Befreit ihn von diesem Spieß und fesselt ihn an diese Säule dort! Wollen mal sehen, was wir so an Wissenswertem aus ihm herauskitzeln können.“

21:59. Noch einmal kontrollierte Flachköpper die Uhrzeit. Als die Anzeige endlich umsprang, trat er aus der Deckung und drückte ab. Zwei seiner Schüsse trafen, der dritte verfehlte sein Ziel nur m Zentimeter. Dann erst begriffen seine Gegner, was vor sich ging.
Verschiedenste Waffen flogen in seine vermutete Richtung, ihre Explosionen die Büsche und Bäume beleuchtend. Doch keine traf ihn. Er war bereits wieder hinter einem Baum in Deckung gegangen, von wo aus er eine Cäsiumkapsel von seinem Gürtel in den Wassertank auf einem Leiterwagen warf.
Flachköpper nutzte das Chaos und die allgemeine Verwirrung, um unentdeckt in die Nacht zu entschwinden – seine Mission war geglückt.

Fabian Knallkabel biss die Zähne zusammen und zwang sich, Kopf und Oberkörper zu heben. Zum Glück war der Behälter aus Titan gefertigt worden und hatte der Lagerung von FCKWs dienen sollen. So war ein Großteil der mörderischen Energie nach oben losgegangen. Doch der Rest hatte gelangt. Vier seiner Begleiter schienen sich nicht mehr zu regen, zwei weitere krochen immerhin schon wieder über den Platz. Knallkabels Funkgerät quäkte.
Es war Jürgen A. Scherz, sein Kollege von den Azubis. „Fabian, sind Sie da?“ Er rappelte sich auf und gab einen kurzen Lagebericht, woraufhin man beschloss, die Ausräumaktion, die nun so grandios schief gelaufen war, endlich so schnell wie möglich zu beenden. Und ohne angegriffen zu werden, erreichte der Rest des Räumkommandos mit den letzten Leiterwagen um 22.15 den an der Straße wartenden Lieferwagen, während Flachköper durch den verregneten Wald irrte.

Hash schlurfte immer noch einsam durch den Wald, seine Minitaschenlampe, die mittlerweile ihren Geist aufgegeben hatte, baumelte wie überflüssig wieder an seinem Schlüsselbund. Er brummelte Unverständliches vor sich hin, blieb plötzlich stehen, horchte in die Dunkelheit. War da ein Rascheln?“

Flachköpper erstarrte. Ganz dicht neben ihm hörte er ein Schnaufen. Irgendjemand lauerte dort hinter dem Busch. Während Flachköpper auf alle Viere herab ging, um den Gegner auszuspähen, dankte er dem Regen für den für menschliche Augen und Ohren undurchdringlichen Schleier, der ihn nun schützte.



























So, das ist der aktuellste Stand der Story, den ich zur Verfügung habe. Wir waren im Manuskript zwar schon etwas weiter, aber das habe ich nicht da. ;)

Kollateralschäden - XI

Hash hatte gerade einen Notausgang an der Nordseite des Physiktraktes passiert, als die Eisentür aufflog, ihn am Rücken traf und er unkontrolliert in die nächstgelegene Hecke stolperte. Johann Sebastian Keil trat ins Freie. „Servus, was schleicht ihr hier rum? Entweder die Tür hier ist Schrott, oder –“ er schaute hinter die Tür und sah Hash im Gebüsch liegen. „Ohaaa! Sooorry...“
Wutschnaubend rappelte Hash sich wieder auf. Diese elende Grinsglatze mit ihrer Perücke! „Was soll denn das überhaupt?“ – „Ich wollt grad loslatschen, Willi, weil Ihre Laserkanone, das fahrbare Teil, ist fertig!“

Hashs Stimmung veränderte sich schlagartig: „Saubere Arbeit, Herr Kollege. Mal wieder genau richtig im Zeitplan. Aber –“ besorgt blickte er den Überbringer der eigentlich freudigen Nachricht an, „das Gerät sollte schon wasserdicht sein, da sind wir uns einig, oder?“
„Klaro, das Teil braucht nur noch das Prüfsiegel, bin gerade auf dem Weg zur SAF.“ – „Ohne die Waffe?“ fragte Hash verwundert. „Ich kenn da so ’ne nette Dame...“ Keil grinste und trabte locker in die Dunkelheit.

Hash rieb sich die Hände: „Wie wär’s mit ein paar Tests? Das reizt mich jetzt schon!“
„Nichts da!“ schnauzte Steely sofort. „Das Wohl von vielen wiegt mehr als das Wohl von wenigen – anders ausgedrückt: Der Erfolg dieses Unternehmens ist wesentlich wichtiger als die Steigerung irgendwelcher spezieller Spaßfaktoren! Also machen Sie schon. Da vorne um die Ecke.“
Hash seufzte. „Aber ich will...“ „NEIN!“ Steely unterbrach ihn. „mich doch nur mal mit der Bedienung vertraut machen,“ fügte Hash kleinlaut hinzu und schlappte mit hängenden Schultern weiter.

Verdrossen stand Grummelhuhn vor dem Loch in der Wand, hinter dem sich einst der Überwachungsraum befunden hatte, doch ihm gähnte nur die dunkle Umgebung des Gebäudes entgegen. Er trat an den Rand und blickte hinunter – Trümmer. Er hatte gehofft, Verwertbares zu finden, doch der Raum existierte nicht mehr. Er kontaktierte Flötenhäuser und Knallkabel: „Hier geht nichts...“ Dann merkte er, dass tatsächlich nichts ging, der Funk war tot! „Wie können sie unsere Funkgeräte blockieren, wenn sie gar nicht wissen... dass wir kommen!“ Alarmiert drehte er sich um – und blickte in sechs Läufe. Schrotsemmel grinste und winkte ihm zu.

Mehrere Sekunden verstrichen, bevor Horatius sich wieder in der Gewalt hatte. In dieser kurzen Zeit rasten seine Gedanken wild umher. Überlaufen ging nicht, dazu steckte er zu tief drin. Den sechs Gegnern entkommen – das war alleine auch nicht drin. Aber eine Lösung brauchte er trotzdem – dringend. Blieb also nur noch eine kurzzeitige Kapitulation. Ohne hastige Bewegung nahm er die Hände nach oben und gab sich den Anschein von Furcht: „Hilfe, ich tu euch doch nichts.“
„Schaut mal wer uns da ins Netz gegangen ist... Ein richtig fetter Fisch!“ Schrotsemmel grinste noch breiter. „Nummer 4, festnehmen, Hände fesseln; Rest macht sich zum Abmarsch bereit.“
Hätte er Knallkabel doch nicht mit den übrigen Bewaffneten weggeschickt! Jetzt war er alleine und in deren Gewalt. Fabian hatte ihn doch gewarnt. Er verfluchte sich in Gedanken für seine Dummheit.

„Also, dann fahren Sie mal vorsichtig dran,“ ordnete Steely für den Spähwagen an. Peer-Gam bewegte den Joystick und ließ das wertvolle Gerät hinter dem Mauervorsprung hervorkommen. 12 Augen verfolgten gespannt, was für Bilder die Kamera von jenseits der Deckung lieferte.
Nach endlos langen Sekunden brach Hash schließlich das Schweigen. „Nichts...“ Wieder Schweigen. „Soll ich weiterfahren? Darf ich?“ Peer-Gams Gesicht strahlte vor Vorfreude.
„He! Was –“ tönte es plötzlich hinter der Mauer hervor und das Dunkel vor der Linse hob sich – hinter der Mauer stand jemand, und Peer-Gam hatte den Wagen gegen seinen Fuß gefahren. Ein kurzer Moment der Stille, dann wirbelte das übertragene Kamerabild durcheinander, während das Auto ins Gebüsch flog und die Verbindung abbrach. Ein Paar Augen schaute kurz um die Mauerecke, bevor es sich wieder zurückzog. Ein Eichhörnchen fiel vom Baum, als der Wachposten „PROOOFS!“ brüllte.

„LOS!“ bellte Steely. Wie besprochen flog eine Mineralsäuren-Granate über die Mauer und der Trupp spurtete los. Zwei Lichtblitze und mehrere Dampfwolken später griffen zwei Mann die Deichsel des ersten Leiterwagens und alle zogen sich zurück.

21:41 Uhr: „Hier sind wir erstmal allein, halten wir an.“ Gerade als Steely das Kommando zum Anhalten geben wollte, brüllte Hash 20 cm neben ihm „HAAALT!“ Der Trupp kam zum Stillstand. „Der Leiterwagen in die Mitte, wir wollen alle sehen, was wir da haben...“
Als er die Plane zurückzog, sah er, wieso der Wagen so schwer war – es lagen 10 CO2-Feuerlöscher darin! „Uuh, böööse!“ kommentierte Hash. Steely pfiff durch die Zähne. Nur Peer-Gam blickte nichts und Flachköpper erklärte ihr die Wirkung auf Menschen.
Offensichtlich genügte sein Fachchinesisch jedoch nicht, um ihr einen Lichtblick zu verschaffen. „Doseneis?“ fragte sie in einem verzweifelten Versuch, wenigstens einen gewissen Wissenszuwachs zu erreichen. „Das meinen Sie doch nicht ernst?“ fuhr eine Stimme dazwischen. Alle zuckten zusammen. „Und überhaupt – wie passen Sie eigentlich auf sich auf?“ Die leise Stimme der kleinen und umsichtigen Altphilologin, die sich unbemerkt angeschlichen hatte, durchschnitt mit entschlossener Schärfe die nächtliche Stille.

„Frau Professor Gin? Was tun Sie denn hier?“ Peer-Gam, in zweiter Reihe stehend, flüsterte Hash hinter vorgehaltener Hand gleich ihre Meinung zu: „Die versteckt sich doch nur hier, um aus allem raus zu sein!“ – „Hm?“ Gin steckte ihren Kopf zwischen Steely und Flachköpper hindurch und schaute Peer-Gam neugierig an.
„Och, ich hab mich gefragt, was SIE hier machen, so ganz allein.“ – „Und außerdem, von wegen aufpassen – wer passt denn auf Sie auf? WIR können auf uns selber achten!“ warf Steinschlag hinzu.
„Sie ist auch nicht allein, aber vor allem machen WIR nicht so einen Jenseits-Lärm!“ Hilfsdozent Backfisch trat mit langen Schritten aus dem Gebüsch, eine offene Weinflasche in der Hand.
„Nun, ist ja auch egal. Fakt ist, dass wir mit unserer Ladung einen großen Coup geschafft haben,“ erklärte Hash selbstbewusst. „Allerdings werden sie uns kaum verfolgen,“ war Steely mit bitterer Selbstironie ein. Er hatte sich mehr von dem Zugriff erhofft. „Ach, das passt scho!“ erklärte Peer-Gam und wuchtete eine ihrer „Eisdosen“ aus dem Wagen. Alle zuckten zurück, als darunter eine giftgrüne Tüte mit der handnotierten Aufschrift „A1/B0,4/C0,7/2“ zum Vorschein kam.

Plötzlich begann es zu regnen, Blitz und Donner setzten ein. Die Schrift auf der Tüte verblasste... „Oh nein, ein Gewitter – und wir inmitten von Bäumen!“ Bei Professor Gin deuteten sich leichte Spuren von Panik an.
Und das nicht zu Unrecht – ein besonders lauter Donner, begleitet von einem blendenden Blitz, schlug nicht allzu fern in einem Baum ein, die dort sich befindlichen Gegner illuminierend. Kurz darauf hatte die Beleuchtung auf rot-orange flackern gewechselt, von Schreien begleitet.
„Schnell, zur Grillhütte! Da bleibt’s trocken!“ Äste knackten und schlugen den Hinterhereilenden ins Gesicht, als Steely den direkten Weg durch den Wald wählte. Geistesgegenwärtig griffen Hash und Backfisch den Beutewagen und polterten mit. Ein paar Speichen splitterten, doch angehalten wurde nicht.
„Da vorn... die Hütte!“ Plötzlich, ein Blitz, die Hütte stand in Flammen. „Scheiße! Schnell zurück in Deckung – meines Wissens befinden sich noch Gasflaschen da drin!“
„Wo ist eigentlich Flachköpper geblieben?“ Er war nirgends zu sehen. „Ist er vielleicht nicht mit uns geflüchtet?“ Schweigen schlug Steely entgegen. Wenn er nun in die falsche Richtung geflohen war...
„Ätzend! Immer muss man auf die Kollegen von den Naturwissenschaften warten,“ grollte Steely. Hash, bei seiner Ehre gepackt, protestierte: „Manche, ja. Aber ich zum Beispiel, ich bin die Pünktlichkeit in Persona!“ Einer der jungen Dozenten, die sie begleiteten, konnte es einfach nicht lassen: „Allerdings: Zur Pause sind Sie stets der erste...“ DAS hätte er besser nicht gesagt...

Flachköpper wünschte sich in sein Büro zurück, in seinen Sessel, mit einem Glas Whiskey. Stattdessen strömte der Gewitterregen auf ihn herab, während er sich langsam in einem Bogen in den Rücken des Feindes bewegte.

„Los, auf geht’s!“ Backfisch marschierte voraus in die Dunkelheit, der ganze Trupp folgte ihm, von seiner Forschheit überrumpelt. Doch war es wirklich der ganze Trupp? Nein: Ein mittelgroßer, rundlicher Physikprofessor blieb zurück, um die Feuershow zu bestaunen. Nach schier endlosen Sekunden drehte er sich schließlich um, um dem Rest zu folgen – doch die einsame Nacht umgab ihn...
„Äh? Haaalt! Wartet auf mich!“ Weder der kleine Uhu auf dem nächsten Baum, noch der Physikprofessor selbst bemerkten die Gestalt, die sich aus dem Schatten löste und ihm folgte.

Als Flachköpper ankam, wo er hinwollte, spähte er durch die Büsche: Niemand mehr da? Offenbar hatten die As sich bereits verzogen. Der Regen wurde schwächer, als das Gewitter weiter zog.

Hash, einsehend, dass es doch zu dunkel war, griff nach seinem ausladenden Schlüsselbund und aktivierte eine an ihm befestigte Hochleistungsminitaschenlampe. Klimpernd setzte er seinen Weg durch die Dunkelheit des Waldes fort.

Kollateralschäden - X

Plattstahl und Steinschlag starrten noch immer auf ihre Schirme. „Unfassbar!“ Plattstahl brach das Schweigen. „Haben Sie das gesehen? Wo sind sie hin? Gerade lief das Team doch noch durch den Gang hier entlang.“ Er deutete auf den Bildschirm. „Jetzt sind sie verschwunden. Verdammt, wie konnte das nur passieren?“
Hinter ihnen polterten schwere Schritte. „Ich stimme dem Direx zu – lasst uns Ungeziefer vernichten!“ Flachköpper steckte in einem Chemiekittel, hatte Handschuhe, eine Gesichtsmaske und eine Schweißerbrille an und einen schweren Rucksack auf dem Rücken. Er lud die daran angeschlossene Spritze auf.
Reflexartig fuhr Hashs Hand an den Gürtel hinab, wo der handliche Phaser-Pointer baumelte. Wild und zu allem entschlossen knurrte er: „Jou! Das machen wir. Sind unsere Früchtchen noch da? Die Sache reizt mich jetzt schon...“ Steely starrte die soeben instruierte Gruppe scharf an: „Also gut. Mein Gesamtkonzept haben Sie hoffentlich verstanden. Und verbraten Sie nicht alle – wir brauchen Informationen!“
Peer-Gam schreckte aus ihrem Mittagsschläfchen hoch. „Braten? Wer brät? Und was?“ Steely rollte nur die Augen und wandte sich ab. „Wir rüsten uns...“ Hash wandte sich wieder seinem Phaser-Pointer zu und zückte einen Schraubenzieher. Peer-Gam schaute verwirrt mit schlaftrunkenem Gesicht durch die Gegend und nickte wieder ein.
Unwirsch legte Hash den Schraubenzieher weg und hängte den Pointer zurück. Er leerte seine Taschen: Organizer, Flachmann... er ging in einen anderen Raum und kam im Kittel und mit seiner Laserkanone zurück. „Kein schweres Gepäck, Leute...“ Er lud den Laser: „Lasst uns Assis jagen!“
Steely, der Profi, brauchte ebenfalls nur wenige Sekunden, um marschbereit zu sein. Jeder Handgriff saß: Fernglas aus der Schublade, Walkie-Talkie in die rechte, Munition in die linke Knietasche. Taschenlampe und Feuerzeug in die Hosentasche. Karten und Pläne in die rechte Brusttasche. Zuletzt legte er sich den schweren Einsatzgürtel um: Seitenwaffe, Sprengstoff-, Verbands- und Verpflegungspack. – Und dann kam natürlich noch die obligatorische Sonnenbrille.
Steely schaute sich um, alle hatten sich gerüstet – bis auf Peer-Gam, den Kopf noch immer in ihren verschränkten Händen liegend auf dem Tisch. Ohne zu zögern wühte er in ihrer Tsache und zog eine bayerisch aussehende Miniatur-Kuhglocke heraus. „Sie schleppt das Ding tatsächlich immer noch mit sich...“ Er hielt sie neben ihren Kopf und klingelte wild drauf los. Die Aufgeweckte sprang auf. „Was isch los?“ „Machen Sie sich marschbereit, werte Kollegin!“ antwortete Steely. Peer-Gam blickte zwar noch verschlafen drein, bemühte sich aber, schnell auf die Beine zu kommen.

Knallkabel jagte Grummelhuhn geradewegs in die Arme. „Horatius, die Studenten...“ er keuchte noch. „Sie sind im Haupttrakt, wir müssen mit ein paar Leuten hin um unseren Rückzug von dort zu decken!“ – „Wie viele Studenten?“ – „Ich weiß nicht, aber sie haben unsere Wachposten wohl ausschalten können, hab die Schüsse selbst gehört; dürften so zehn Leute sein, aber verdammt gute, einer hätte mich fast noch erwischt!“ – „Verdammte Scheiße! Kommen Sie, wir nehmen ein paar von denen hier – Hey! Ihr, kommt kurz her, bitte, Jungs! – Ihr seid bewaffnet? Gut! Knallkabel, machen Sie das, ich bleibe hier und organisiere unsere kleine Ausräumaktion weiter.“

Es war einer jener unglücklichen Zufälle. Beim Kauen auf seinem billigen Abi-Werbe-Kuli verschluckte der große Supervisor Sharp sich. Durch den heftigen Hustenanfall erfasste ein kräftiger Windstoß den Stapel bemalter und bekritzelter Löschpapiere, der auf einem der Monitore lag. Die lose Portraitsammlung kam ins Rutschen und segelte majestätisch auf den Schreibtisch herab. Dort erwischte sie den frischen Plastikbecher heißen Kaffees, der prompt nachgab und seinen Inhalt über den unruhigen Knien des Computerfreaks vergoss.
Sharp sprang auf: „Scheiße, auch das noch!“ Schnell legte er seine Papiere wieder auf ihren alten Platz und verließ den Raum fluchend in Richtung der Waschräume.

Erschöpft stolperte Sushi zurück ins Lazarett. „Oh Mann!“ stöhnte er. Er war total blutverschmiert, und sein handverlesenes Team, das hinter ihm reinkam, ebenso. Sein Blick suchte Jenny: „Ich bin dann mal weg, duschen und mich ausruhen...“ Außer den Snipern war nun keiner mehr draußen, bemerkte Jenny, alle waren im Lazarett, in der Küche oder in ihren Buden. Also schickte sie ein paar Kommilitonen hinaus um Wache zu halten. Dann nahm auch sie sich eine Stunde Ruhe.

19:52. Im Schutze der hereinbrechenden Dämmerung verließen Hash als Vorhut und provisorischer Vize-Kommandant, Runheid als Kommunikationsfrau (sie war stolz auf das baguettegroße Funkgerät, das man ihr anvertraut hatte), Steinschlag, der ihr beistehen, sonst aber eigentlich neue Kameras installieren sollte, Flachköpper, der, den Trupp nach hinten absichern und bestimmte Stellen verätzen sollte, und zwei recht junge Kollegen, die Steely, natürlich Leiter und Mittelpunkt der Einheit, zu seiner direkten Verfügung hielt, den Bunker in Richtung Chemie. Bandranzer begleitete sie an seiner Kontrollstation per Computer.
„Schneewittchen an die 7 Zwerge. Bitte kommen.“ Bandranzer grinste breit. Er vernahm ein Knacken, dann Stille. „Empfangen Sie mich?“ Weiter Stille. Plötzlich ertönte ein überlautes gemütliches „Hallooo?“ aus dem Lautsprecher. Bandranzer zuckte zusammen, fing sich aber gleich wieder – der Tonfall war nichts besonderes. „Hier Bandranzer. Sagen Sie Steinschlag, eine Kamera hinter der nächsten Ecke wäre nicht schlecht. Schneewittchen Ende."
Wenige Augenblicke später knackte Runheids Gerät schon wieder, und ein begeisterter Bandranzer meldete sich: „Ich hab was für euch! Wartet kurz...“ Das Team blickte sich verwirrt um, bis ihnen mit einem leisen Surren ein Elektroauto hinterhergefahren kam. „Hab’s mit einer Kamera ausgestattet, der Bildschirm dazu ist auf der Bedienung. Die hab ich aufs Dach gebunden. Könnt sie runternehmen und das Ding steuern. Ich schalte die Computersteuerung dann ab.“ Das Auto blieb vor Steinschlag stehen.

Erfreut griff der Professor nach dem Controller. „Eine klasse Idee! Vielen Dank! Und – ja, Herr Kollege, Ihre Kamera ist schon installiert. Versuchen Sie mal, ob Sie das Signal schon auffangen... Frau Kollegin?“ Fragend blickte er auf Frau Dr. Runheid. „Ach so – Ihre Liebe für dicke Autos...“

Kollateralschäden - IX

17:47. Erschöpft trat Tommi einen Schritt zurück und nahm die Sauerstoffmaske ab. Zufrieden betrachtete er das Ergebnis seiner Arbeit. Dann fiel sein Blick auf Pushkin, der kreidebleich und beinahe ohnmächtig immer noch Florentine festhielt, um den Patienten zu betäuben.
„Sooo... Ja... Sieht schlimmer aus als es ist. Sie sind doch ein ganzer Kerl, oder, Pushkin? Man müsste hier noch saubermachen und en Abfall wegbringen... Ich muss zum nächsten Patienten. Das schaffen Sie schon!“ Tommi entfernte sich.
Sushi hatte sich mittlerweile in die Kommune aufgemacht, um mit einem Team die zurückgebliebenen stöhnend herumliegenden Angreifer, die entweder schon tot waren oder sich nicht mehr zurückziehen konnten, da ihnen z. B. zu viel Blut oder ein oder mehrere Beine fehlten, zu „entsorgen“.
Florentine befreite sich aus Pushkins Griff und keifte ihn an: „Was soll das, du Penner? Wenn du was von mir willst, dann sag’s halt!“ Die Aspirin mussten wohl Wirkung gehabt haben, denn problemlos stolzierte sie davon. Pushkin schwankte ihr hinterher, um Putzzeug zu holen. Sehnlichst wünschte er sich, der Whiskey wäre nicht verloren gegangen.

Sharp setzte sich, mit seinem eben geholten Kaffee, wieder an seinen Rechner und wunderte sich über die Überwachungsbilder aus der Biologie auf seinem Hauptbildschirm. „Hm... Hatte ich vorhin nicht ein anderes Bild auf den Hauptschirm gelegt?“ Er wunderte sich, schob es allerdings seiner extremen Müdigkeit zu. Dann überprüfte er wieder die Gänge um die Chemie.

„Ihr geht über links, dort an der Reihe VWs vorbei!“ Mit einer Handbewegung winkte Günni Schrotsemmel das andere Sniper-Team unter Puck auf die andere Seite des Parkplatzes.
„Und was soll laut Sushi hier sein?“ meckerte Nummer Fünf deutlich vernehmbar. – Da peitschten plötzlich links und rechts Kugeln in den Kies.
„Los, alle in Deckung und schussbereit machen! Funker? Meldung an Oberkommando: Wir stehen unter Beschuss., benötigen Verstärkung!“
Man reichte Schrotsemmel das Funkgerät: „Verstärkung kommt in zwei Minuten. Over.“ „OK – Meldungen! Nr. 1 lebt. Nr. 2?“
Nacheinander meldeten sich alle 6 wieder, ebenso bei Puck. Dann begannen die beiden Schützenpaare, ihre Stellung einzurichten, während Schrotsemmel versuchte, die Lage einzuschätzen, und der Funker sich um eine klarere Frequenz bemühte.
„Commander, wir verlieren die Verbindung, bekomen keinen Empfang mehr – auf keiner Frequenz!“
„Wir werden gejammed!“ rief Puck. „Was wird jetzt aus dem Raid?“ „OK, Leute! Schlagt die Autoscheiben ein und verschanzt euch darin! Nr. 2, mit mir – in diesen VW-Bus.“
„Ich hab einen Zielpunkt,“ meldete Nummer 3 an Gewehr A. „Objekt bewegt sich nicht, gibt weiterhin Feuer. Erlaubnis, Ziel zu neutralisieren?“ Im Nachbarwagen zögerte Schrotsemmel nur kurz.
„Nummer 4, los, nachladen! Hab dort schon das nächste Ziel.“ – „Drei Feinde eliminiert,“ Nummer 5 feuerte weiter. „Nr. 3, wie wär’s mit ’nem Wettschießen?“
„Ach was, lass es. Wie’s aussieht waren das alle, das Feindfeuer hat aufgehört. Wer, glauben Sie, war das?“ Schrotsemmel murmelte: „Hm, es kam vom Haupttrakt. Die Profs haben den ja verlassen, die A-Assis kamen von der Chemie, hab ich gehört... Vielleicht ein autonomes Trüppchen oder ein paar zurückgezogene A-Kämpfer.“
Obwohl der Fragende wohl kaum etwas kapiert hatte, meldete er trotzdem präzise: „Definitiv keine Studenten. Allerdings habe ich diesen ekeligen Soziologie-Hilfsdozenten Qualle erkannt. Wieso, Chef, schließen Sie die Profs aus?“ Der Vorgesetzte fasste sich knapp: „Mir liegen weitere Informationen vor. Aber, wie was das? Ein Assistent?“
„Die Luft scheint wieder rein zu sein...“ Schrotsemmel blickte noch mal umher. „Jedoch trau ich dem Frieden nicht... Schicken Sie ein Spähteam vor, wir halten uns erst mal weiter in Deckung...“
„Sollen wir die angeforderte Verstärkung dann reinschicken?“ – „Gute Idee, Puck, warten wir auf sie!“ Als diese angekommen waren, legte Schrotsemmel ihnen die Situation dar, woraufhin der zum Spähtrupp umfunktionierte Verstärkungstrupp eine Scheibe im Erdgeschoss einwarf und eine Nebelgranate hinterher, bevor sie einstiegen.

Bollerwagen! Eine ganze Armada Bollerwagen! Steely staunte nicht schlecht, als er gewahr wurde, wie viele Flaschen von chemischen Lösungen und anderen undefinierbaren Flüssigkeiten die drei Putzleute auf ihren Gefährten verstauten.
„Herr Direktor? Seit wann haben unsere polnischen Putzkräfte Zugriff auf die Sammlungen? Schauen Sie mal hier...“ Steely deutete auf seinen Bildschirm.
„Ganz einfach – seit sie nicht mehr zu uns gehören, wie’s aussieht...“ Krantzentascher schnaubte. „Wissen Sie was? Die vollständige Evakuierung war ein Fehler, meine Herren! Weil wir nur hier sitzen und zusehen! Plattstahl, zeigen Sie mir, wie gut Ihre Task Force draußen auf dem Schlachtfeld funktioniert... Es wird Zeit, aktiv einzugreifen!“ Er drehte sich um und verließ den Raum.
Steely starrte ihm entgeistert nach. Er war auf ein wüstes Gezanke und unbegründete Anschuldigungen gefasst gewesen, nicht jedoch auf eine derart offene Herausforderung. Andererseits wirkten die Karren, wenn die drei Saubermänner im Gebäude verschwanden, wirklich einladend – eindeutig ein unbewachtes Ziel.
Plattstahl erhob sich von seinem Stuhl und schritt in Richtung eines leeren Tisches. „Meine Herren, meine Damen, würden Sie bitte hier zusammenkommen, wir haben zu planen...“ Ihm graute vor dem, was ihm nun bevorstand.

„Alles klar. Kommt rein!“ knisterte es über Funk zu Schrotsemmel. Das Team, das den Haupttrakt durchs Fenster betreten hatte, hatte den Raum also leer vorgefunden. Schrotsemmel winkte seine Leute vorwärts.
„Aber Chef? Ich widerspreche ja nur ungern, aber wenn wir nicht gegen die Profs kämpfen, gegen wen dann? Und wer hat auf uns geschoss–“ Nummer 4 verstummte abrupt, als er den ersten ausgeschalteten A-Schützen erkannte. „Das war ja der zweite Elektriker. Ein fleißiger Arbeiter. Hat mir beim Praktikum manchen Kniff gezeigt. Warum nun das?“
„Äußerst seltsam...“ Schrotsemmel schien einen Moment nachzudenken. „Ich habe keine Erklärung... für den Moment. Sichern Sie erst mal die Zugangstür, dann planen wir uunser weiteres Vorgehen...“
In seinem Kopf arbeitete es. Die Profs waren schon längst ausgeflogen, klar. Aber warum waren diese As hier drin? Wie viele von ihnen? Wo? Wussten die Profs davon? Und wieso waren solche Leute von den As hier... ein Elektriker, der auf sie geschossen hatte. Strange, das.
„Zimmer gesichert!“ schallte es unterdessen aus dem Nachbarraum. Der Teamleader trat auf den Gang und sah zu, wie seine Leute sich Tür für Tür vorantasteten. Als der Trupp das Treppenhaus erreicht hatte, begaben sie sich in den vierten Stock. Weiterhin mit äußerster Vorsicht agierend, bewegten sich die Schützen in Richtung ihrer neuen geplanten Stellung.
Der Teamleader folgte seinem Team in den vierten Stock. „Stellung gesichert, Sir, warten auf weitere Befehle!“

Plötzlich ging alles ganz schnell. Eine Explosion riss eine Tür auf den Gang. Sie zuckten zurück. Puck hechtete sich in die Öffnung, Gewehr im Anschlag. Das Zimmer brannte, jemand sprang gerade noch aus dem Fenster.
Der Finger krümmte sich um den Abzug. Die Salve riss eine Doppelreihe hässlicher Löcher in Wand und Rahmen. Die Splitter flogen auseinander und in die Flammen. Die glühenden Späne segelten durch den Raum. Ohne den Erfolg seiner Schüsse zu überprüfen, drückte Puck das Team zurück. „Sie wissen, was wir hier tun!“ zischte er.
Schrotsemmel schnaubte wütend, schloss die Augen und schien in sich zu gehen, doch dann: „Was für ein Haufen inkompetenter Scheiße darf ich denn hier mein Team nennen? Wenn ich sage ‚sichern’ – dann will ich, dass auch ALLES sicher ist – und wir nicht von dutzenden Kameras beobachtet werden, als säßen wir im Container... Und vor allem –“ Er stockte. „Wir ziehen uns erst mal geordnet zurück...“

Zwei Stockwerke weiter unten landete Fabian Knallkabel, 2. Vertreter der Arbeiter, auf den Trümmern des alten HQ und, sportlich wie er war, federte seinen Sprung kurz ab, bevor er zu Flötenhäuser, der einige Meter entfernt zu ihm hinaufschaute, lief und rief: „Die Studdis ham n Sturmteam sein, wir müssen uns zurückziehn! Wegen denen müssen vorhin die Schüsse gefallen sein und so!“ Flötenhäuser starrte ihn an, dann erst reagierte er. Knallkabel sprang bereits die letzten zwei Stockwerke des Trümmerhaufens herab, bevor er zur Chemie jagte.

Von der vorgeschobenen Stellung im Ostflügel führte Schrotsemmel seine Männer vorsichtig durch den eben erst überprüften Flur zurück in den Hauptturm. Hier betraten sie ein gemütliches Kabuff mit Blick auf das HQ-Trümmerfeld und den dahinterliegenden Forst. Mit einem kritischen Blick auf die überfüllten Bücherregale befahl der Commander: „Jeder achtet auf Kameras. Funker, ein Sperrfeld gegen Wanzen. Und ein paar von den Ultra-Leicht-Minen vor die Tür. Ich muss euch wohl einiges erklären...“

Kollateralschäden - VIII

17:28. Entgeistert starrte Pascal C. Sharp, als Computer-Freak das AAA-Äquivalent zum Professoren-Duo Bandranzer/Steinschlag, auf seine Monitore, die plötzlich wie wild Warnungen, Fehlermeldungen und Zugriffsverweigerungen anzeigten. Sein ganzes Kabuff leuchtete rot. Hätte er gewusst, dass die Professoren ein acht Monate altes Backup eingespielt hatten, wäre er wahrscheinlich kaum beunruhigt gewesen.
So jedoch glaubte er, soeben von einem mächtigen Super-Hacker angegriffen worden zu sein. „Fuck!“ Er aktivierte sein Headset. „Horatius? Wir haben keinen Zugang mehr auf Cam-Check. Da muss ein Spezialist am Werk gewesen sein. Bisher hat es noch niemand geschafft, MICH zu stoppen! Meine Cracks waren P-E-R-F-E-K-T. Ich...“ Grummelhuhn unterbrach: „Lassen Sie das Technische weg, ich versteh ohnehin kein Wort. Sagen Sie mir lieber, ob Sie das wieder hinbekommen... Wenn nicht, stellt sich die Frage, wie viel Sie uns dann noch nützen...“ Er unterbrach die Verbindung.
Sharp seufzte verzweifelt: „Ich hätte doch nach der Schule zu Onkel Alfons aufs Land ziehen sollen und Erntehelfer beim Spargelstechen werden sollen... Aber nein, meine Eltern wollten mich studieren sehen. HA! Studieren! Dass ich nicht lache!“
Vorsichtig versuchte er mit einigen wenigen Befehlszeilen festzustellen, wo die Firewall im Überwachungssystem eingefügt worden war. Sonderbarerweise fand er kein einziges Anzeichen für einen solchen Schutz.
Nervös spielte er mit einem Kuli, die Zeit schritt unaufhaltsam voran. Im Hintergrund tickte eine Uhr. „Verdammt, wo ist der Fehler?“ Schweiß trat ihm auf die Stirn. Plötzlich sprang er auf und stürzte zur Tür, rüttelte an der Klinke, doch – die war verschlossen...

Wütend kickte er gegen eine Kiste, die daraufhin umfiel und ihren Inhalt an CDs über den Boden verteilte. Und da hatte er die Idee. Nach wenigen Sekunden hatte er die CD gefunden, die er suchte, und legte sie ein. Mit wenigen Tipps gab er einige Overwrite-Befehle ein, lagerte einige Backups aus und lud PWC.exe. Hier ging er nun alle 182 seit Beginn seiner Hacker-Karriere gespeicherten Passwörter durch, und siehe da: Ein knapp 8 Monate altes kam durch! Kurzer Check, ein paar Minuten Systemangleichung – und er war drin!

Vierhundert Meter weiter runzelte Steinschlag alarmiert die Stirn und lenkte Bandranzers Aufmerksamkeit auf ein plötzlich neu hinzugekommenes Kamerabild auf einem der Monitore.

„Das ist doch die Sammlung im Biologietrakt? Eben war die doch noch nicht da... Bekommen Sie das noch schärfer hin, Steinschlag? – Haben Sie das gesehen? Da ist doch jemand da hinten über den Gang gehuscht... Können Sie näher ran zoomen?“
„Mein Gott!“ Flachköppers Gesicht war kreidebleich. „Das ist Ihr Assi, Gerhardt! Was macht er da?“ Steely blickte ihm ins Gesicht. Tonlos erwiderte Flachköpper nur: „Die Biologie... sie hat nur drei strategisch unwichtige Gebäude... aber sie ist bei der Chemie. Er will in die Waffenfabrik!“
Hash fühlte sich sofort persönlich verletzt: „Wir waren uns doch einig, nur noch Physik zu benutzen! Was haben Sie mir verschwiegen? Oder was haben Sie sich verschweigen lassen?“

Hash bekam keine Antwort. Es herrschte Stille, sah man von Peer-Gams Schmatzen im Hintergrund ab. Schließlich brach Flachköpper das Schweigen: „Haben wir vielleicht noch Zugriff auf weitere ‚geheime’ Kameras? Steinschlag wandte sich wieder dem Rechner zu. „Meine Herren, bekomme ich keine Antwort?“ Hash schien wütend.
Steely verdrehte die Augen. „Mann, das war die OFFIZIELLE Version! Hat niemand Sie unterrichtet? Mann... Und was ist jetzt mit den Kameras, Steinschlag?“ – „Hm, lassen’s mal schauen...“ Bandranzer setzte sich an den Rechner neben Steinschlag, und nach wenigen Minuten hatten sie je noch eine Kamera in der Biologie freigeschaltet, sowie drei tote am Hauptgebäude. „Aber die Cams sind nicht von uns... die müssen von den As sein! Ha! Jetzt haben WIR Zugriff auf IHRE Kameras!“ Aber sie zeigten alle nur leere Gänge.

„Com. Horatius? Ich hab wieder den Großteil des Systems unter Kontrolle. Die Deppen haben wohl nichts gemerkt. Aber dieses Elite-Grüppchen um den Ironman scheint irgendwas Dolles geschafft zu haben. Die fressen, saufen und drücken sich die Hände!“
„Sehr schön. Das war ja Rettung in letzter Sekunde – beinahe hätten wir einen weiteren Verlust zu beklagen gehabt... In spätestens einer Stunde wünsche ich einen aktuellen Bericht – Horatius Ende.“ Sharp hörte es knacken, die Tür wurde im Moment wohl wieder entriegelt. Erschöpft und erleichtert sank er in seinen Stuhl zurück.

Professor Dr. Alwin Krantzentascher stand in der Tür und klopfte demonstrativ am Rahmen an. „Mir sind da einige interessante Sachen zu Ohren gekommen, Herr Professor Laurentius Plattstahl. Sie haben doch sicher Zeit, mir einige Dinge zu erklären,“ tönte es aus seinem schlohweißen Vollbart. Der Direktor ließ seine ganze Autorität spielen. Im Hintergrund hörte man Stubbendorck offenbar unbefangen vor sich hin pfeifen.
„Aber selbstverständlich stehe ich Ihnen jederzeit für alles zur Verfügung,“ sagte Plattstahl betont langsam. Dann wandte er sich demonstrativ wieder den Monitoren zu. „Holen Sie das mal näher. Und dann überprüfen Sie bitte noch einmal alles, was wir in der Nähe der Chemie haben. Notfalls auch die Mikrophone und Lichtschranken.“ Als er sicher war, dass der leicht angespannte Direktor sich lange genug hatte beruhigen können, lächelte er ihm aufmunternd zu. „Schließen Sie doch bitte die Tür, und dann los!“
Krantzentascher schritt durch den Bunker Richtung Rechner. Peer-Gam blickte auf. „Ah, Herr Direktor...“ Sie hatte Mühe, mit vollem Mund deutlich zu sprechen. Im Begriff, sich zu erheben, um ihn zu grüßen, unterbrach er sie jedoch: „Bleiben Sie ruhig sitzen, ich möchte Sie nicht stören...“ Grinsend schritt er an ihr vorüber. „So meine Herren, würde mir erst mal jemand die Lage erläutern?
Denn irgendwie scheinen die Informationen an mir vorbeizulaufen – oder sie kommen erst gar nicht so weit.“ Er blickte sich um. „Sie scheinen hier ja eine gut funktionierende Gruppe aufgebaut zu haben. Bedauerlich nur, dass das Kollegium als ganzes dadurch erheblich schlechter zusammen funktioniert...“ Die letzten Worte ließ er langsam im Raum verhallen.
„Nun, Herr Direktor, dazu lassen Sie mich gleich antworten: Seit einiger Zeit beobachte ich einen Kleinkrieg der Fakultäten untereinander. Obwohl ich nicht bezweifle, dass diese Streitereien temporal begrenzt sein werden, dachte ich doch, mit einer kleinen Task Force effizienter arbeiten zu können.“
„Aha...“ Der Direktor schwieg kurz. „Sie arbeiten?“ Interessiert ließ er seinen Blick durch den Raum schweifen: Peer-Gam beugte sich immer noch kauend über ihren Teller, Hash stand mit dem Rücken zu ihm und schien sich einen Schluck aus seinem Flachmann zu gönnen und Bandranzer starrte, auf seinem Kuli herumkauend, Löcher in die Luft.
„Interessante Arbeit,“ kommentierte er trocken. Plattstahl schluckte. Idioten, schoss es durch seinen Kopf. Die Rettung kam von Steinschlag, der offenbar etwas auf einem Monitor entdeckt hatte.
„Herr Direktor, Herr Major!“ Er als einziger schien einen gewissen Loyalitätskonflikt zu verspüren. „Das ist die Kamera am alten Bienenstock vor der Biologie. Und sehen Sie, da, im Hintergrund, bei der Chemie.“ Wie wild klopfte er auf eine bestimmte Stelle im Bild.
„Was sollen wir denn sehen? ICH sehe nichts Ungewöhnliches.“ Plattstahl wollte sich wieder abwenden. „Geduld – nur Geduld... Gleich sehen Sie es wieder... Moment, was ist jetzt los? Ich hab fast kein Bild mehr!“ Mittlerweile war auch der Direktor hinter Steinschlag getreten. „Das ist doch nur eine Biene, die Ihnen fast die ganze Linse verdeckt... Keine Panik!“ meinte Krantzentascher gelassen. Hier konnte er seine Umsichtigkeit beweisen.
„Dann warten Sie mal, bis sie weg ist...“ Plötzlich war die Sicht wieder frei, und nun war es für jeden sichtbar.

Kollateralschäden - VII

„Wasisnhierlos?“ Die Tür zum Speisesaal flog auf und, begleitet von einer Rauchwolke mit strengem Marihuana-Geruch, Florentine Glimm, genannt Glimmstengel, wegen ihres Rufes als übelste Kifferin unter den Studenten, wenn nicht gar der ganzen Stadt, oder auch Glimmlampe, wegen ihrer stark „vernebelten“ Intelligenz, betrat den Raum. Sushi verdrehte nur entnervt die Augen, hielt die Luft an und schob sie mit einem gekeuchten „Ich sag’s dir später“ wieder raus, bevor er die Tür verschloss. „Ihr Penner! Intolerante Militaristen! Versoffenes Pack!“ Florentines keifende Stimme drang nach innen. Na toll, dachte Sushi, sie hat auch noch getrunken und ist jetzt aggressiv. So ein Spaß.
„Verdammt, wo ist Florentine?“ schnauzte Tommi T. Thomsen, der die Leitung des notdürftig eingerichteten Lazaretts übernommen hatte. Sein momentaner Patient, der mit einem offenen Bruch am Bein vor ihm auf dem Tisch lag, stöhnte laut auf. „Wir müssen betäuben und operieren!“ Widerwillig schob Sushi den Riegel wieder zurück.
„Los, kannst wieder rein, Tommi braucht dich.“ Sushi drückte sich in der Tür an ihr vorbei und verschwand im düsteren Gang.
Doch Florentine war nicht in kooperativer Stimmung. „Ich bin Studentin, kein Betäubungsmittel!“ keifte sie und ging zurück in Richtung Hippie-Kommune.
Sie hatte jedoch noch keine fünf Schritte getan, als sie das Gleichgewicht verlor und der Länge nach hinschlug. Ihre zwei großen Whiskey-Flaschen zersplitterten. Sofort bildete sich eine große Lache des alkoholischen Genussmittels.
„Klasse... noch mehr Schweinerei... Pushkin, bring mir mal ihre Tasche da drüben, lass sie aber erst mal kurz abtropfen...“ Tommi wandte sich wieder dem gebrochenen Knochen zu.
„Ach, ych soll wyder dy Drecksarbeyt machen, oder wy?“ Pushkin Gorbatschows russischer Akzent war nicht zu verleugnen. „Ymmer das selbe...“ Er brachte sie ihm. „Mal sehn, was wir hier finden...“ Tommi, aufgrund seiner Fähigkeit, genau zuzuhören, gelegentlich auch Audi TTT genannt, durchwühlte die Tasche.
Als er nicht fand, was er suchte, fällte er ohne Zögern eine sehr riskante Entscheidung. „Bring sie selbst her. Und für mich brauche ich die O2-Direkteinspritzung. Ich mach’s bei Vollnarkose und allein.“ Während er sich trollte, um das Gewünschte zu bringen, murmelte Pushkin laut und vernehmlich: „Wer yst hyr eygentlych der verrückte Russe?“
Florentine erlangte ihr Bewusstsein wieder und richtete sich auf. Ihre Kleider waren klatschnass und stanken nach Whiskey. „Heyo, wo ist meine Tasche?“ Sie erblickte sie nahe des provisorischen OPs und stürmte darauf los...
„Du kommst myr gerade rychtyg,“ meinte Gorbatschow nur und zerrte sie zu Tommi.
Florentine war es gerade recht. Ihr Kopf dröhnte, und kaum erreichte sie Tisch und Tasche, da legte sie sich auch schon ruhig auf ersteren und griff sich drei Aspirin aus letzterer.
„Wasser! Ich brauche Wasser für die Dinger!“ Mit Mühe erhob sie sich und taumelte Richtung Küche. Gorbatschow eilte ihr hinterher.

Im Bunker herrschte gereizte Stimmung. „Bandranzer, wie lange noch?“ Steely, der den Computertisch angehoben hatte, damit Bandranzer an den Netzwerkleitungen darunter herumfuhrwerken konnte, spürte, wie ihm die anderthalb Zentner zu entgleiten drohten.
„Nicht mehr lange. Ich muss nur noch das II\B-Modem für die interne Alternativ-LAN-Verbindung an den Y-Pod anschließen und über die doppelspulige TFÜ-Breitbandleitung auf den D3-Standard initialisieren. An der Spaltstelle für die HighT-Protokoll-Routinen die ROME-Prozeduren-Codierung reproduzieren und über die CPYou-Leiste abchecken. Wenn ich dann die BIOS-Optionen über den FTP-Boot-Port update, sollte der halbintegrierte RAHM automatisch auf das provisorische IR-Modul zugreifen. Nach der Verifizierung meiner User-/Adnim-ID –“
Steely, der mit hochrotem Kopf die Zähne aufeinander presste, trat nach dem Hinterteil des Informationstechnologikers neben dem Diskettenkoffer.
„Nicht labern. BEEILEN SIE SICH!“ Steelys Hände begannen zu zittern, Schweißperlen traten aus seinem hochroten Kopf...
Eine Hand schob sich unter dem Tisch hervor. „Können Sie mir mal das USB-Kabel für den Card-Reader geben?“
Die letzten Kraftreserven mobilisierend gab Steely dem Wühleimer mit den Kabeln einen Tritt, so dass dieser umstürzte und seinen Inhalt unter dem ganzen Tisch verteilte. Ein vernuscheltes „Danke!“ ließ ihn erkennen, dass sein Partner das Teil gefunden hatte, und dass er schon wieder einen Kuli zerkaute.
„Steely, geht’s noch? Ich brauche noch ’n bissle für diesen Kabelsalat. Halten Sie mal höher, ich habe den Grund gefunden, warum der Beamer seit dem letzten Umräumen nicht mehr geht: Der Tisch drückt das V-LAN-Kabel ab...“
Kurz darauf kam Bandranzer mit ölverschmiertem Gesicht zum Vorschein und grinste Plattstahl an.
„Hamsiesendlichverdammtnochmalichkannnichtmehrsiearsch!“ Steely kreischte geradezu. „Jaja, ich hab’s, Sie können wieder loslassen.“ Es war schwer festzustellen, wer zuerst zu Boden ging – der Tisch oder der zusammenklappende Plattstahl. „Alles halb so wild, Laurentius, nehmen Sie erst mal nen Schluck.“ Hash hielt ihm seinen Flachmann hin. Bandranzer ging jedoch nachdenklich auf und ab: „Irgendetwas stimmt nicht,“ murmelte er vor sich hin, während seine Hand gedankenverloren mit dem Netzstecker spielte.

Ausgerechnet Peer-Gam war es, die des Rätsels Lösung fand: „Der tut ja gar nichts!“ nörgelte sie, während sie planlos auf der Tastatur herumhackte.
„Vom Tastatur-Gehacke geht auch kein Rechner an.“ Hash meldete sich zu Wort. „Benutzen Sie den Ein-Schalter da unten rechts.“ Gekonnt drückte er den Knopf – nichts passierte. Hash grummelte vor sich hin. „Ah! Der Netzschalter...“ – „Klick“, er legte den Wipp-Schalter um. „Jeeetzetle...“
Mit einer undefinierbaren Mischung aus Faszination und Entgeisterung starrte Bandranzer auf den Stecker in seiner Hand. Mit verdruckstem Grinsen wandte er sich an Plattstahl: „Sie... könnten nicht vielleicht... noch mal anheben?“ Er wedelte mit dem Stecker. „ICH KANN NICHT...“ Steely fand keine weiteren Worte, bevor sein hochroter Kopf zurücksackte.
Endlich bot sich dem Physiker eine Möglichkeit, seine praktische Weltsicht doch noch zum Vorteil der Gruppe einzusetzen: „Warum nehmen wir nicht die Kabeltrommel und Steckdose da drüben am Kühlschrank? Und warum müssen Sie eigentlich immer so zerstreut und ziellos sein, wenn Sie etwas Anspruchsvolles machen?“
„Kühlschrank“ – Peer-Gam schreckte hoch. „Wie, ‚Kühlschrank’? Und was ist mit dem ganzen Essen? Ohne Strom funktioniert der doch nicht, oder? Sie wissen doch... Ich bin auf dem Gebiet ein wenig bewandert...“
Stubbendorck, die 2-m-Stange, die gerade zum Kühlschrank gegangen war, um sich ein Mineralwasser zu holen, meinte nur: „Dann müssen Sie halt alles essen, bevor’s schlecht wird, das ist doch kein Problem für Sie, oder?“ Er maß sie mit einem langen Blick. „Ooooh, hihi, isch des jetzt alles meins?“ Peer-Gam hüpfte mit grinsendem Vollmondgesicht auf den Kühlschrank zu. „Wenn ich an die ganzen Kalorien denke, oooch – Sie wissen doch, des sind die kleinen Tierchen, die nachts die Kleider enger machen, hihi!“
„Sagen Sie, was machen Sie denn hier? Können Sie uns vielleicht mal in Ruhe lassen?“ Steely klang nicht etwa gereizt, nein, er klang aggressiv. „Oh, Ihr liebes Quintett scheint ja wohl die Elite der Uni zu sein. Wissen Sie, was für Spannungen das im Kollegium auslöst?“ Der Soziologe war in seinem Element, doch der Major unterbrach ihn kalt: „Jawohl, schön dass Sie das jetzt auch schon merken. Und jetzt gehen Sie bitte.“ Eingeschüchtert wagte Stubbendorck nur noch eine halbherzige Drohung, bevor er sich trollte: „Das sag ich dem Herrn Direktor, mein Lieber!“
„Hihi, sind Sie sicher, dass Sie nichts von diesen Köstlichkeiten wollen? Hab hier leckeren Schweinebraten, fast so gut wie der von meiner Mutter!“ Per-Gams Augen glänzten, wie die eines fünfjährigen Jungen an Weihnachten.

Security-Manager Steinschlag trat neben Bandranzer, der gerade das Netzwerk initialisierte. „Die Cam-Check-Software ist doch schon drin, oder? – Sehr schön. Ich muss wissen, was in der Zwischenzeit los war.“

Kollateralschäden - VI

15:30. Sorgfältig knotete Steely, der als einer der ersten im Bunker angekommen und die Gefangenen mitgebracht hatte, dem widerspenstigen Sushi die Hände an ein Eisenrohr, gab ihm noch einen Tritt und verließ den Raum. Nachdem er die schalldichte Tür zweimal verriegelt hatte, wandte er sich Rupi Dusche zu, um ihn zu verhören. „Und du weißt,“ warnte er den Studentenführer noch: „Diese alten Bunkerräume sind wirklich stabil. Niemand wird dich schreien hören!“
Unterdessen hastete die Nachhut, angeführt von Steinschlag, eine kleine Nottreppe unweit des HQ hinunter. Dumpfe Schläge der nahen Explosionen hallten durch das leere Treppenhaus. „Ah autsch... hihi... der Absatz von meinem linken Schuh ist abgebrochen... hihi... Helfen Sie mir bitte, meine Herren!“ Frau Dr. Runheid am Ende der Gruppe erregte Aufmerksamkeit.

Die dem Fluss zugewandte Seite der Containeranlage wurde von einem Knall erschüttert. Mehrere Wasserfontänen stiegen mit Mauerresten gespickt ein Dutzend Meter in die Höhe, als die Cäsiumkapseln explodierten. Der Weg in die Studentenkommune stand nun sperrangelweit offen.
„Shit!“ fluchte Fredderike, als die östliche Wand ihrer Bude mitsamt dem Poster ihres Freundes vor ihren Augen zerbröselte. „Invasion der Profs!“ brüllte sie auf den Gang hinaus, bevor sie ihre Blausäurespritze ergriff.

Als sich des zerstaubte Wasser langsam legte, stürmten nacheinander mehrere vermummte Gestalten durch das Loch in der Containerwand, bewaffnet mit Elektroschockern und sicherten den Raum.
Man hörte einen dumpfen Knall, dann Stille – bis 5 Sekunden später die Tür aufflog und die vermummten Gestalten wie Ameisen aus der Türöffnung strömten und auf alles schossen, was sich bewegte. Schreie gellten. Personen sackten zusammen. Der Kampf hatte begonnen.
Unaufgefordert übernahm Fredderike das Kommando, als der Blockwart von einer Kondensatoren-Axt niedergemäht wurde. Zum ersten Mal in ihrem Leben gab sie nun Befehle – und sie tat es sehr erfolgreich. Langsam und kontrolliert begannen die Studenten den Rückzug.
„Wir sammeln uns im Gemeinschaftsraum und verbarrikadieren den Eingang, Waffen sollten noch in den Schränken sein, schnappt sie euch und lasst uns die Aggressoren erwarten!“ Fredderike war in ihrem Element.

Eine Seitentür flog auf und Plattstahl kam in den Bunker gestapft. Er baute sich vor Willi Hash auf: „Willi, Sie Doppeldepp! Als ich Ihnen sagte, die Elektroschocker sollten starkstromfähig sein, meinte ich nicht, dass sie an Hochspannungsleitungen angeschlossen sein sollen! Jetzt gehen Sie da rein und beseitigen die Sauerei!“
Während er den Putzlappen schwang, dankte der Physiker im Stillen dafür, dass der Raum wenigstens nicht möbliert war. Doch auch schon die bloßen Wände bereiteten ihm Übelkeit. Zweimal musste er sich übergeben, bis das Allerschlimmste beseitigt war.
Hash kam zurück in den Bunker, ließ seine Putzeimer achtlos fallen und warf die verschmierten Lappen in die Eimer. Er ließ sich auf einen der Tür nahestehenden Stuhl fallen und genehmigte sich erst mal einen großen Schluck aus seinem Flachmann.
„Und was haben Sie mit dem Anderen – Sushi – vor, Laurentius?“ Stubbendorck sah Steely fragend an. „Ganz einfach – wir verbünden uns. Gemeinsam mit den Studenten werden wir diesem A-Trüppchen heimleuchten. Also lassen wir ihn frei und schicken ihn zu den Studenten.“
„Sind Sie sicher, dass die Studenten das machen werden?“ Klar erkannte man den Zweifel in der Stimme des Soziologen. „Ich bin überzeugt davon. Unsere technische Überlegenheit habe ich ja gerade unfreiwillig demonstriert,“ antwortete der Major, weiterhin scheinbar gefasst.

„Hat jeder eine Waffe? Oder wurde jemand vergessen? Dann geht hinter Türen und Stühlen in Deckung. Wir werden ihnen einen gebührenden Empfang bereiten...“ Fredderike grinste.
Ihre Sylvesterbazooka jagte die auffliegende Tür mitsamt den ersten hereinstürmenden Gestalten in Fetzen auseinander. Die Nachstürmenden vergingen im Kugelhagel, begleitet von zwei Phosphorgranaten.

Kaum hatte Steely die Tür der Toilettenkabine hinter sich geschlossen, erlitt er einen Zusammenbruch. So schlecht war es ihm nicht mehr gegangen, seit er in Kambodscha seinen besten Berater, einen Leutnant, verloren hatte. Hemmungslos schluchzte er und heulte sich die Seele aus dem Leib.

Die letzten Aggressoren zogen sich ungeordnet zurück. Der Gemeinschaftsraum war nicht mehr wiederzuerkennen. Zerfetzte Körperteile, Verletzte, Tote. Verluste auf beiden Seiten.
Als der dichte Rauch sich lichtete, sah man, wie eine Gestalt den Kopf hob. Es war Sushi. „Oh mein Gott! Sie haben Fredderike getötet! Diese Schweine!“
„Alles denkt, die sind perdü – aber nein, noch leben sie!“ rezitierte Fredderike, ohne ihr verbranntes Gesicht zu erheben. Regungslos blieb sie auf dem Rücken liegen, Blut quoll aus dem zerfetzten linken Armstumpf.
„Saaaniii...“ rief einer der noch recht Unverletzten.

Im Chemiesaal war mittlerweile aus gegenseitigen Schuldzuweisungen ein Handgemenge geworden. Grummelhuhn biss gerade herzhaft in einen Arm, als nach kurzem Aufheulen der Fuß des Gegners sein Gesicht küsste und er Bekanntschaft mit dem Projektor machte. Eine weitere Gestalt warf sich mit den Worten „Sie Doppeldepp!“ auf ihn. Dann sah er nichts mehr.

Jenny Dampah, nach Dusche die mächtigste Studentenführerin, erschien völlig unerwartet. Eigentlich hatte sie eine Inspektion geplant gehabt, nun wurde der Besuch ein Rettungseinsatz: „Bringt das tapfere Mädchen hier durch!“ befahl sie ihrem Stabsmediziner.
„Bringt die Verwundeten rüber in den Speisesaal und richtet dort unser Lazarett ein. Wasser, Tische, Messer – dort haben wir alles...“

„Hach ja, was haben Sie denn?“ Peer-Gam Runheids grinsendes Gesicht sah zur Tür zu Steely hinein.
„Der Schmorbraten vom Mittagessen...“ log er. Die Sache war schon so peinlich genug.
„Hihi, ja, der war lecker...“ Peer-Gam wandte sich grinsend einer der Notrationen zu, die sie in einem Schrank gefunden hatte und seitdem immer bei sich trug.

Als Grummelhuhn wieder aufwachte, war er geblendet. „Ich sehe ein helles, straheldendes Licht! Das kann doch nicht sein, ich bin Atheist! Ich mein Gott!!!“ „Sie sind nicht tot, Sie Vollidiot!“ „Nein?“ „Nein Mann! Sie blicken in den Beamer, den Sie halb zertrümmert haben!“
Schnaubend griff Grummelhuhn nach der schweren Fernbedienung an seinem Gürtel. „Ich? Etwas zertrümmert? Das fuchst mich jetzt schon! Wo ist das verdammte Ding?“
Klick. Klick. „Das ist doch nicht wahr? – Scheiß Qualität!“ Grummelhuhn schüttelte die Fernbedienung wie verrückt. „Garantiert made in China, wetten?“ Er schleuderte die Fernbedienung auf den Boden.

Im Speisesaal der Studenten herrschte ein Zustand, den man getrost als inkoherente Entropie bezeichnen konnte. Der Raum war zur Reizüberflutung geworden: Gestank, Blutlachen, Schreie von Verletzten. Der häufigste Reiz allerdings war der Brechreiz, sodass die Toiletten kaum mit Spülen nachkamen. „Heilige Scheiße,“ murmelte Sushi.
Jenny trat neben ihn. „Was ist bei dir passiert?“ Ihre Stimme klang ernst, der Situation angepasst. Sie beide waren im Moment die ranghöchsten und erfahrensten Kommandanten vor Ort. Sushi ließ seinen Blick lange über die Szene schweifen, bevor er antwortete. Jenny verstand ihn und wartete geduldig.

Dann, als er geendet hatte, planten sie ihr weiteres Vorgehen. Zum Schluss fasste er die akutesten Probleme zusammen: „So können wir das hier nicht lassen. Auch wenn es manchen schwer fallen wird, wir müssen die Leichen wegschaffen, die Verwundeten liegen ja größtenteils schon auf den Tischen! Detaillierte Verlustmeldungen dann bitte an mich,“ Sushi begab sich in Richtung Tür, um noch einen Blick nach draußen zu werfen.

Kollateralschäden - V

„Beschämend, wie unfähig manche Leute sind, sich kurz zu fassen,“ war Plattstahls erster Kommentar.
Dann schaute er in die Runde. Alle schienen seinem Blick auszuweichen. „Meine Damen, meine Herren! Ihre Meinung? Irgendwelche Vorschläge?“

Grummelhuhn, der nach dem Anbringen der Sender und Kameras rund um das HQ-Gebäude wieder zurück in seinem geheimen Refugium war, schaltete auf Empfang, sodass auch der Rest des dort versammelten Dreier-Rats der As die Reaktionen der Professoren auf den vorgelesenen Brief live mitbekamen.

„Das ist ein Bluff! Ich kenne Horatius gut genug. Dieses Ah-Trüppchen ist wesentlich kleiner, als er uns weismachen will.“ Die uneingeladenen Zuhörer zuckten zusammen. Mit nur acht Mitgliedern waren sie tatsächlich keine ernst zu nehmende Macht – solange man sie durchschaute. Doch niemand schien Flachköpper zu glauben.
„Da wäre ich mir nicht so sicher... Horatius weiß, wie wir denken würden. Er weiß, dass wir die Wahrheit nicht glauben, selbst wenn er sie uns sagen würde... Wir sollten vorsichtig sein! Wir müssen mir ALLEM rechnen!“ entgegnete Plattstahl.

„Oh ja, das sollten sie!“ flüsterte Grummelhuhn. „Wir sind wahrlich nicht groß – da haben sie Recht,“ fuhr er an die anderen sieben Mitglieder des Dreier-Rates der As fort. „Wir sind nicht groß. Aber es geht nicht um uns.“ „Wollen Sie Stufe II-b einleiten?“ fragte Lucius Flötenhäuser, der 1. Vertreter der Arbeiter; „Die Massen warten...“ „Genau das! Irgendwelche Einwände von irgendjemandem?“ Ihm begegnete Zustimmung, weshalb er sich umdrehte und zwei Knöpfe drückte; erneut ging der Feueralarm los. Aber nicht nur das! Die Schichten 5, 6, 7 und 8 verließen ihre Posten! „Nun Sie, meine Herren!“ Die beiden anderen Vertreter 1. Ranges der anderen beiden As aktivierten nun ihrerseits ihre Schläfer. Und nun sah es 12 zu 2 für sie aus! Steinschlag hatte ein Problem.

Einem jungen Physikassistenten war es zu verdanken, dass nicht der allerschlimmste Fall eintrat. Hin und her gerissen zwischen Grummelhuhn und Freudhammer, seinem Doktorvater, fiel seine Entscheidung erst in dem Moment, als das Signal ertönte. Seine Schicht, die Nr. 7, war direkt vor dem Beratungszimmer der Professoren stationiert. Laut Plan sollten sie das nun stürmen. Aber das durfte nicht sein. Seine Hand umkrampfte das Feuerzeug, als er seine Phosphorgranate zündete. So wurde er, als sein Team in Flammen aufging, zu einem der vielen namenlosen Helden dieser Welt.

Schriller Feueralarm ertönte (mal wieder), die Feuerschutztüren begannen sich unverzüglich zu schließen. Die Professoren schraken, aufgescheucht durch die Explosion, auf. „Verdammt... eine Explosion. Steinschlag, schauen Sie, wie es draußen aussieht. Und dann, denke ich, sollten wir schnellstens raus hier!“ sagte Flachköpper sichtlich erregt.
Steinschlag reagierte sofort und lieferte einen ausführlichen Bericht über die Vorgänge auf seinen Monitoren: „Kontaktabbruch zu den Schichten 5, 6 sowie 8 – 12 – scheinen außer Kontrolle! Schicht 7 hat sich offenbar selbst vernichtet... Phosphorgranaten vorm HQ – Teppich brennt! Kontakt zum Rest abgebrochen, haben das Gebäude offenbar verlassen; Schicht 11 und 12 warten auf Befehle!
Ah – halt! Schichten 11 und 12 räumen gerade das Lager aus. Jetzt steigen sie zum Fenster aus – drei Granaten fliegen herein – Kontaktverlust!
Erbitte Anweisungen!“

Keuchend erreichten die Überläufer nach einem kurzen Sprint die Chemie-Baracke. Hier meldete sich Joe Broose, Kommandant Schicht 9, Leiter der „Operation Wechselgeld“, unverzüglich bei Lucius Flötenhäuser, seinem Chef. Doch statt des erwarteten Lobes bekam er nur ein barsches „Wo ist Dusche?“ zu hören. Dem Gemaßregelten schlug das Herz bis zum Hals, als er daran ging, zu erklären, warum Plattstahl persönlich den Zellenschlüssen an sich genommen hatte.

„Verflucht... Verdammt... Scheiße...“ Flachköpper fluchte vor sich hin. „Wir müssen hier weg... Schnell...“ Wiedereinmal kamen die rettenden Worte von Plattstahl: „ Steinschlag, ermitteln Sie den schnellsten Weg in den alten Luftschutzbunker!“
Die Evakuierung verlief problemlos. Steinschlag verließ das Hauptgebäude als letzter, nachdem er das HQ, zwei angrenzende Aktenlagerräume und den Überwachungsraum gesprengt hatte.
Die übergelaufenen Schichten bekamen inzwischen die Anweisung, das Uni-nahe Studentenheim zu überrennen und alle Ergreifbaren gefangen zu nehmen.
„Schichten 5, 6 und 8 führen einen Ablenkungs- und danach Unterstützungsangriff von der Straßenseite durch, der Rest – 9 bis 12 – greifen von der weniger befestigten Ostfront an! Dort müsst ihr einbrechen!“ Flötenhäusers Anweisung kam klar aus dem Funkgerät.

Kollateralschäden - IV

Ehrwürdige Kollegen! Gruß und Humanistischer Segen!
Mit brennender Sorge und steigender Befremdung beobachten Wir seit geraumer Zeit den Leidensweg der Universität, die wachsende Bedrängung der ihr treubleibenden und auch untreuen Professoren und Studenten, denen schon Aristoteles die Licht- und Frohbotschaft der Naturwissenschaftlichen Exaktheit und Geistigen Flexibilität hätte verkünden können.


Meine Damen und Herren!
Ein Gespenst geht um in unserer schönen Universität – das Gespenst der Rebellion. Viele verbündeten sich gegen uns, ehemals für unsere Sache kämpfende Professoren, junge Dozenten und große Teile der Studentenschaft. Wir befinden uns in unserer schlimmsten Krise.


An die Gebildeten, Professoren und Dozenten!
Diese allprofessorische Krisensitzung ist eröffnet. Auf dieser Sitzung ist die gewaltige Mehrheit der Professoren vertreten. Die Vollmachten des falschen Zentraldozentenstabes sind abgelaufen. Gestützt auf den neuen Willen der gewaltigen Mehrheit der Arbeiter, Assistenten und Auszubildenden, gestützt auf die in Trakt 1 vollzogene siegreiche Festnahme des Studentenführers und seiner rechten Hand, nimmt der „Dreier-Rat der As“ die Macht in seine Hände.
Die professorische Regierung ist gestürzt. Die höchsten Mitglieder der studentischen Rebellion sind bereits verhaftet.
Die 3A-Macht wird sofort allen Parteien einen totalitären Frieden und den sofortigen Waffenstillstand vorschlagen. Sie wird die entschädigungslose Übergabe der Campusländereien in die Verfügungsgewalt des Professorenkomitees sicherstellen, die Rechte der Studenten schützen, indem sie die volle Demokratisierung der Armee durchführt, sie wird die Arbeiterkontrolle über die Produktion einführen und die rechtzeitige Einberufung der Konstituierenden Versammlung gewährleisten, sie wird dafür sorgen, dass die Studenten mit Lehre und Wissen versorgt werden, sie wird allen am Campus lebenden Parteien das wirkliche Recht auf Selbstbestimmung sichern.
Der Dreier-Rat der As beschließt:
Die Macht geht über an die Vertreter der 3A-, Studenten- und Professorendeputierten, die eine wirkliche revolutionäre Ordnung zu gewährleisten haben.
Der Dreier-Rat der As ruft die Soldaten in den Schützengräben zu Abrüstung und Einlenken auf. Der Rat ist überzeugt, dass due Vertreter der Deputierten es verstehen werden, die neue Ordnung gegen jegliche Anschläge der Studentenschaft und der Professur zu verteidigen, bis die neue Ordnung einen demokratischen Frieden erzielt hat, den der Rat unmittelbar allen Parteien vorschlägt. Die neue Ordnung wird alle Maßnahmen treffen, um durch eine entschlossene Politik von Requisitionen und Kontrolle der universitätischen Klassen die Angehörigen der Studenten mit allem Nötigen zu versorgen und auch die Lage der Professorenschaft zu verbessern.
WIDERSTAND IST ZWECKLOS.
Vertreter des 2. As des Dreier-Rats der As. H. Grummelhuhn.

Ehrwürdige Kollegen! Gruß und Humanistischer Segen!
Mit brennender Sorge und steigender Befremdung beobachten Wir seit geraumer Zeit den Leidensweg der Universität, die wachsende Bedrängung der ihr treubleibenden und auch untreuen Professoren und Studenten, denen schon Aristoteles die Licht- und Frohbotschaft der Naturwissenschaftlichen Exaktheit und Geistigen Flexibilität hätte verkünden können.

Meine Damen und Herren!
Ein Gespenst geht um in unserer schönen Universität – das Gespenst der Rebellion. Viele verbündeten sich gegen uns, ehemals für unsere Sache kämpfende Professoren, junge Dozenten und große Teile der Studentenschaft. Wir befinden uns in unserer schlimmsten Krise.

An die Gebildeten, Professoren und Dozenten!
Diese allprofessorische Krisensitzung ist eröffnet. Auf dieser Sitzung ist die gewaltige Mehrheit der Professoren vertreten. Die Vollmachten des falschen Zentraldozentenstabes sind abgelaufen. Gestützt auf den neuen Willen der gewaltigen Mehrheit der Arbeiter, Assistenten und Auszubildenden, gestützt auf die in Trakt 1 vollzogene siegreiche Festnahme des Studentenführers und seiner rechten Hand, nimmt der „Dreier-Rat der As“ die Macht in seine Hände.
Die professorische Regierung ist gestürzt. Die höchsten Mitglieder der studentischen Rebellion sind bereits verhaftet.
Die 3A-Macht wird sofort allen Parteien einen totalitären Frieden und den sofortigen Waffenstillstand vorschlagen. Sie wird die entschädigungslose Übergabe der Campusländereien in die Verfügungsgewalt des Professorenkomitees sicherstellen, die Rechte der Studenten schützen, indem sie die volle Demokratisierung der Armee durchführt, sie wird die Arbeiterkontrolle über die Produktion einführen und die rechtzeitige Einberufung der Konstituierenden Versammlung gewährleisten, sie wird dafür sorgen, dass die Studenten mit Lehre und Wissen versorgt werden, sie wird allen am Campus lebenden Parteien das wirkliche Recht auf Selbstbestimmung sichern.
Der Dreier-Rat der As beschließt:
Die Macht geht über an die Vertreter der 3A-, Studenten- und Professorendeputierten, die eine wirkliche revolutionäre Ordnung zu gewährleisten haben.
Der Dreier-Rat der As ruft die Soldaten in den Schützengräben zu Abrüstung und Einlenken auf. Der Rat ist überzeugt, dass due Vertreter der Deputierten es verstehen werden, die neue Ordnung gegen jegliche Anschläge der Studentenschaft und der Professur zu verteidigen, bis die neue Ordnung einen demokratischen Frieden erzielt hat, den der Rat unmittelbar allen Parteien vorschlägt. Die neue Ordnung wird alle Maßnahmen treffen, um durch eine entschlossene Politik von Requisitionen und Kontrolle der universitätischen Klassen die Angehörigen der Studenten mit allem Nötigen zu versorgen und auch die Lage der Professorenschaft zu verbessern.
WIDERSTAND IST ZWECKLOS.
Vertreter des 2. As des Dreier-Rats der As. H. Grummelhuhn.

Kollateralschäden - III

Die Sicherheitstrupps im Haupttrakt reagierten sofort und ließen den Saal räumen und verriegeln; die Professoren und die übrigen Krisenstabsmitglieder wurden in den 8. Stock evakuiert. Erst als der ganze Saal leer und abgesperrt war, kletterte Grummelhuhn aus dem Luftschacht ins HQ und begann, Liegengelassenes einzustecken, bevor er die bewusstlosen Studenten Rupi und Sushi herauszog und auf 2 Tischen festband. Dann kletterte er zurück und machte die Schachtöffnung wieder zu.

Staunend beobachtete Flachköpper auf dem Bildschirm der Überwachungskamera, wie sein Assistent wieder in der Decke verschwand – was hatte das zu bedeuten?
Steinschlag, der Chef der Sicherheit, betrat den Überwachungsraum. „Wir konnten kein Feuer finden. Sie können Ihre Sitzung fortsetzen.“
Flachköpper wirkte abwesend... ihm war gerade der Brief, den Grummelhuhn auf dem Rednerpult liegengelassen hatte, aufgefallen. Egal, was das hier bedeutete – er hatte seinen Assi unterschätzt.
Allerdings wäre er nie auf die Idee gekommen, dass Horatius doch in einer anderen Machthierarchie als der im Lehrkörper Karriere würde machen wollen – aber natürlich war der neue Weg besonders im Moment ebenfalls vielversprechend.

Flachköpper schreckte hoch: „Was haben Sie gesagt, Steinschlag?“ – „Sie können zurück in den Sitzungsraum.“ – „OK, rufen Sie die anderen auch wieder zusammen, wir müssen unverzüglich weitermachen!“
Als die Professorenschaft in den Saal zurückkehrte, herrschte Verwirrung. Sie waren zwar unterrichtet worden, dass ein Fehlalarm stattgefunden hatte, aber der Anblick leergeräumter Tische (bis auf 2!) und der Brief auf dem Lehrerpult war nicht das, womit sie gerechnet hatten.
Steely übernahm wie üblich das Kommando. Ärgerlich schnauzte er die Sicherheitsleute an, die beiden Bewusstlosen wegzuschaffen und gefälligst die Lüftungsschächte neu zu versiegeln. Dann wollte er nach dem Brief greifen – doch den hatte Flachköpper schon an sich genommen.

14:35 Uhr: Grummelhuhn kroch wieder durch den Lüftungsschacht zurück in Richtung Labor, als er hörte, dass irgendwer die Ausstiegsluke über dem Saal verriegelte.
Das hieß, dass er seinen Plan kurzfristig aufschieben musste. Er änderte die Richtung und erreichte kurz darauf den Chemie-Hörsaal 1, in der SO-Ecke im 1. Stock von Abteilung 2, wo er aus dem Fenster stieg. Eng an die Hauswand gedrückt und so im toten Winkel der Kameras und Wachleute schlich er Richtung Cafeteria, Kameras und Sender im Gepäck. „Dann versiegeln sie’s halt!“
Hätte er gewusst, das er beim Wiedereinstieg in den Schacht seine Ohrenstöpsel verloren hatte, wäre er wohl etwas besorgter gewesen. So jedoch rollten die beiden Gummigebilde unbemerkt in einen kleinen Ritz im Boden des Lüftungsschachtes.

14:45 Uhr: Plattstahl tobte. „Wie kann so etwas passieren? Wozu denn die Sicherheitsvorkehrungen, wenn diese... diese... diese ‚Studenten’ doch überall durchkommen? Können Sie mir das sagen, Steinschlag?“
Steinschlag blieb ruhig. „He, he! Ich bin nur Chef der Überwachung – der Rest ist nicht meine Sache. Ich habe nur die Kontrolle über die Bildschirme, klar? Die Vorkehrungen sind Sache der einzelnen Sicherheitsteams und Techniker. Und außerdem... lesen Sie erst mal.“ Anklagend zeigte er auf Flachköpper, der daraufhin Grummelhuhns Brief anstandslos aushändigte. „Das ist... Der Junge ist ja...!“ Plattstahl begann seltsam zu grinsen. Sie alle hatten Horatius unterschätzt.
Trotz allem konnte Flachköpper seinen Stolz nicht unterdrücken: „Und bei mir hat er das gelernt! Richtige Verhaltensmaßregeln beim ungestoppten Zusammenstoß zweier gegeneinander destruktiver Systeme oder“ – so fügte er für seine beiden Zuhörer selbstgefällig hinzu – „wenn zwei Autos aufeinander rasen, ist es besser, man sitzt in keinem von beiden – das, meine Herren, ist angewandte Tatsachenphysik!“ Wer ihn kannte, wusste, dass er nun unter Schock stand – da führte er alles auf abwegige Physikkonstrukte zurück. Was das bei einem Chemiker bedeutete, sollte klar sein.

Das Gespräch der drei wurde von einem der Soziologieprofessoren, Prof. Edwin Stubbendorck, unterbrochen. „Ich unterbreche Ihre Dreisamkeit ja nur ungern, aber wäre es eventuell möglich, mit der Sitzung fortzufahren? Zeit ist uns nicht im Überfluss gegeben...“ Flachköpper, Plattstahl und Steinschlag begaben sich zurück in die Runde.
„Da nun wieder Ruhe eingekehrt zu sein schein, erkläre ich die Krisensitzung für kontinuiert. Wir waren dabei, über die Verlagerung des Giftschrankes aus dem Chemiehörsaal 1C02 in den Keller zu verlegen, äh, reden – ja Steely?“ Professor Dr. Alwin Krantzentascher, der Sitzungsleiter, schaute verärgert auf den Major, der schon wieder das Heft in die Hand zu nehmen schien: „Ich glaube, das hier sollten erst mal ALLE hören; das dürfte einiges ändern.“ Vielsagend wedelte der Historiker mit dem Brief und begann vorzulesen.

Kollateralschäden - II

Er hatte keine Idee... vielleicht eine der neuen jungen Dozenten? Auf jeden Fall war klar, dass man in Zukunft vorsichtiger sein musste. Er schlug vor, die anderen Lager sofort zu verlegen und doppelt zu bewachen. Schließlich hing viel davon ab...
„Gute Idee. Auf jeden Fall müssen wir einen Krisenrat einsetzen. Die Schicht 2 soll zusammen mit der Schicht 1 für die Sicherheit währenddessen sorgen.“
„Das geht nicht. Schicht 2 wurde gestern bei der Geschichte mit dem Lachgas schlimm erwischt.“ Plattstahl fuhr überrascht herum. Von der Attacke hatte er natürlich Berichte erhalten, doch war er immer davon ausgegangen, nur die Schicht 3 sei betroffen gewesen.
„Dann muss eben Schicht 4 zusammen mit den 1ern für unsere Sicherheit bei der Sitzung sorgen. Schicht 4 besteht zwar zu 70% aus Männern zweiter Wahl, aber wenn es nun mal nicht anders geht... Hoffen wir das Beste.“ – „Was ist konkret zu tun?“
„Machen Sie Durchsagen auf allen Stockwerken und in jedem Gebäudetrakt: Schicht 2 & 3 freigestellt, 1 & 4 HQ absichern, 5 – 16 übernehmen normale Schichten. Und – sagen Sie Bandranzer, unserem Informationstechnologiker, er soll im HQ mit allen Schichten ständig per Funk Kontakt halten! Durchsage: Kernstab und Abteilungsleiter um 1400 im HQ – Krisensitzung!“ Flachköpper salutierte und marschierte ab. Manchmal hatte Plattstahl richtig gute Ideen, dachte er.

14:07. Mit gemischten Gefühlen betrat Horatius Grummelhuhn das Chemielabor III. Was ihn hier wohl erwartete? Es hatte ihn überrascht, wie leicht er den Haupttrakt durch das Heizungsrohr hatte verlassen können. Keine Wachen – als wäre der Weg extra dafür gedacht. Und nun stand er dem gefürchteten Studentenführer Ruprecht „Rupi“ Dusche gegenüber.

Das Licht im Labor war gedämpft. „Rupi, Sie wissen doch, dass ich nachtblind bin.“ Langsam wurde es heller und Rupi trat vor ihn. Horatius stand nun einem um die 25 Jahre alten, ca. 1,70m „kleineren“ Mann mit kurzem Lockenhaar gegenüber. Er hörte Schritte: Ein weiterer Student näherte sich vom Lichtschalter...
„Sushi“ trat in den Lichtkegel. Eigentlich hieß er Soo-Chi, wurde aber von allen Sushi genannt. Und dies wurde von seinem Äußeren unterstrichen. Als asiatisch-stämmiger Gothic trug er stets einen schwarzen Mantel, und die den Kopf bedeckende Maske unterstrich die Ninja-Ähnlichkeit. Rupi hatte ihn zur Sicherheit mitgebracht. „Haben Sie den Brief an Flachköpper gelesen, Grummelhuhn?“ fragte Rupi.
Lügen war zwar noch nie seine Stärke gewesen, aber hier ging es schließlich um mehr: „Nein, der Alte hat ihn sofort verbrannt. Aber ich denke, er ahnte schon, dass er mir nicht mehr trauen konnte.“ Wohlweislich verschwieg er, dass seine Entscheidung erst seit 40 Minuten feststand – Rupi würde es wahrscheinlich auch so wissen. Statt dessen sagte er: „Nun, Sie sehen, ich bin bereit, auf die richtige Seite zu wechseln.“
„Ich sehe, Sie haben sich für die einzig wahre Seite entschieden, für die Siegerseite... Dann lassen Sie mal hören, was Sie über die Strategie des Feindes in Erfahrung bringen konnten.“
„Sie wissen aber, dass ich als Professorenassistent nicht viel Zugang zu den oberen Ebenen habe? Die meisten meiner Infos sind aus zweiter Hand... aber kommen Sie mit, das hier dürfte Sie interessieren!“ Grummelhuhn öffnete eine weitere Deckenplatte, und eine Öffnung wurde sichtbar. Er kletterte hinein und bedeutete Rupi, ihm zu folgen: „Hier geht’s zum Lüftungssystem des Haupttraktes! Da dürften Sie einiges aus erster Hand erfahren...“ Niemand sah, wie er seine Betäubungspistole mit Betäubungsgaspatronen in der Hosentasche umfasste und sich zwei kleine Filterstöpsel in die Nasenlöcher schob.

14:13. „Das ist ABSURD! Das KANN nicht funktionieren.“ Steely klang erbost.

„Da bin ich aber anderer Meinung,“ erwiderte Grummelhuhn, als der Feueralarm ertönte...

Kollateralschäden - I

Kennt ihr vermutlich schon, aber
damit ich mal eine geordnete Version habe, stell ich das mal Stück für Stück hier rein. :nick:




Kollateralschäden



Wenn er die vergangenen 7 Jahre im Geiste durchging, war klar, dass es so hätte kommen müssen.
Und trotzdem war es so unerwartet über ihn gekommen wie ein Schneesturm im Sommer.
Wobei es ihm durchaus klar war, dass es Schneestürme hier im Sommer nicht gab.
Aber das war ihm egal!
Er wusste, damals hätte er alles noch abwenden können, aber nun... nun war für Professor Flachköpper alles scheiße.

Er saß an seinem Schreibtisch und las die Mitteilung des Studentenausschusses wieder und wieder durch, als könne er sie so in Luft auflösen.
Er konnte und wollte nicht begreifen, was er da las.
Aber er las weiter.
Er war so in den Brief vertieft, dass er es nicht einmal bemerkte, wie sein Assistent Horatius Grummelhuhn sein Büro betrat.
Erst als dieser den Stapel der zurückgegebenen Vorlesungsmitschriften auf den Boden fallen ließ, schrak er zusammen und sah sich nach dem Grund für das laute Geräusch um.
Er grüßte seinen Assistenten, nickte ihm kurz zu und wandte sich wieder seinem Brief zu.
Wieder umgab ihn Stille.

Nach einigen Minuten wurde es ihm dann unerträglich und er brach das Schweigen: „Horatius... sagen Sie, was soll man dazu sagen? All die Jahre... und jetzt das! Er reichte seinem Assi die Mitteilung zum Durchlesen.
Grummelhuhn überflog das Schreiben in seiner einigartigen Art, zwei Zeilen gleichzeitig zu lesen, bedachte sich dann einige Sekunden und gab schließlich einen Fluch von sich, der dem erfahrensten Seemann Ehre gemacht hätte.
Kochend vor Wut zerknüllte er das Schreiben und warf es hastig Richtung Mülleimer, verfehlte diesen aber knapp.
Professor Flachköpper forderte ihn daraufhin auf, das Papierknäul aufzuheben und ordentlich in den Mülleimer zu werfen.
„Sie können mich mal! Sie alle!“ was das letzte, das Flachköpper hörte, bevor Grummelhuhn aus dem Raum stürmte, und die Tür derart hinter sich zuknallte, dass das Glas darin einen großen Riss bekam.
Erstaunt blickte der Professor ihm hinterher – bislang war er davon ausgegangen, der Angriff der Studenten richte sich nur gegen ihn, doch offensichtlich nahm sich auch Horatius die Sache sehr zu Herzen.
Der Professor brauchte nun erst mal einen Drink – er stand auf, ging zu seiner kleinen Minibar gegenüber seines Schreibtischs und füllte sich ein Glas Whisky.
Mit dem Glas in der Hand kehrte er an seinen Schreibtisch zurück und wollte sich gerade hinsetzen, als plötzlich ein lauter Knall ertönte, der sogar die Fensterscheiben zu Bruch gehen ließ. „Eine Gewalttat oder ein missglücktes Experiment von Dr. Hash?“

„Jinteros!“ brüllte eine Stimme aus einem der benachbarten Büros. Es schien sich, dachte Flachköpper, wohl doch um einen neuerlichen Gewaltakt seitens der Studentenschaft zu handeln – der Krieg, in dem sich die Universität befand, hatte in den letzten Tagen bedenkliche Ausmaße angenommen und die Professoren hatten sich schließlich gezwungen gesehen, sich in ihrem Gebäudetrakt zu verbarrikadieren und offensichtlich war es, wie der Professor, da er als Chemieprofessor den Studenten sehr viel über Sprengstoffe beigebracht hatte, mit leisen Schuldgefühlen bemerkte, einem Sprengsonderkommando der Stundenten gelungen, diese zu durchbrechen.
Er widerstand der Versuchung, an die Tür zu gehen und auf den Flur hinauszublicken und nahm statt dessen einen kräftigen Schluck. Draußen wurden Stimmen laut, hektische Schreie gellten durch das Gebäude.
Er jedoch blieb auf seinem komfortablen Stuhl sitzen und leerte sein Glas – was sollte er auch tun? Er beschloss abzuwarten bis der ganze Spuk vorüber war.
Doch plötzlich wurde mit Gewalt auf die Tür des Arbeitszimmers geschlagen.
„Flachköpper! Wo bleiben Sie, kommen Sie heraus! Wir brauchen Sie!“ Es war die Stimme desjenigen, der vorher schon auf spanisch geflucht hatte – der Kollege für Geschichte, Prof. Laurentius Plattstahl.
„Steely, kommen Sie rein,“ rief er, zum ersten Mal den Namen verwendend, den man Plattstahl seit Beginn der Unruhen gab, in Erinnerung an seine Zeit bei den Elitetruppen der Luftwaffe, wo er noch vor zehn Jahren in Kambodscha als Major gekämpft hatte. Mittlerweile kämpfte der 46-jährige eher mit Worten als mit Waffen, doch war er ein ebenso harter Gegner wie früher.

Plattstahl betrat das Büro, schloss die Tür hinter sich und blieb schließlich vor Flachköpper stehen. Plattstahl – ein Riese, mindestens 1,90m groß , stämmig, Vollbart; seine Frisur, bildete ein klassischer Igelschnitt, wie in Soldaten oftmals tragen.
Flachköpper, der ein eher schmächtiger Mensch war, wirkte dagegen schon fast lächerlich.
„Gerhardt – wir brauchen Sie – Ihr Genie ist gefordert! Also würden Sie bitte mitkommen?“ Plattstahl hatte immer so eine Art zu reden, die keinen Widerspruch zuließ, und Flachköpper stand tatsächlich auf: „Wie schlimm sieht es aus?“ „Sie sind ins Lager eingebrochen – unser gesamter 36-Bomben-Vorrat an Brom-Bomben gestohlen!“
Zum zweiten Mal an diesem Tag wünschte Flachköpper, eine Mitteilung nicht erhalten zu haben. Während er seinem Kollegen in den sechsten Stock hinauf folgte, berichtete er ihm von dem Schreiben, das er vor einer Stunde erhalten hatte, und von Grummelhuhns Reaktion darauf.
Im sechsten Stock angekommen, offenbarte sich Flachköpper das ganze Ausmaß des Chaos. Die Lagertür aufgebrochen und aus den Angeln gehoben, duzende Kisten durchwühlt und umgestoßen und der Boden übersäht von verstreuten Papieren und Partyhüten, die noch von der letzten Silvesterparty übrig waren.
„Ich frage mich... wie hat der Feind davon erfahren, dass erstens hier ein Vorratslager für unsere Brombomben ist und zweitens dass es im Moment unbewacht war? Wir müssen entweder einen Ihrer Spione oder einen Kollaborateur, einen Verräter aus den eigenen Reihen haben.“
Plattstahl schaute seinen Kollegen mitleidig an – wenn der wüsste, dass er schon zwei oder drei Schritte weitergedacht hatte – aber schließlich war Kombinieren nicht die Stärke von Naturwissenschaftlern. Möglichst beiläufig fragte er: „Wer, denken Sie, könnte dieser Verräter sein?"

Dienstag, 29. Juli 2008